Text 23 – 2020

[ Ein neues Leben ]

Das Ticken der Uhr an der Wand hallte im Raum.

Ich beobachtete die Schüler um mich, um zu erkennen, wie sie sich fühlten. Alle waren sehr konzentriert. Ich drehte mich etwas herum, um meine Freundin Paula, die einigen Reihen weiter weg war, zu sehen. Ich seufzte leise. Wie konnte ich diese Prüfung beenden?

Ich konzentrierte meine Aufmerksamkeit auf die Übung, als Rufe die Stille des Raums durchbrachen. Es kam von der Straße. Es waren Demonstranten. Warum waren sie da? Die Demonstrationen sollten doch auf der anderen Seite der Stadt stattfinden.

Alle Schüler hörten auf zu schreiben und hoben den Kopf.  Ich drehte mich noch einmal herum und guckte zu Paula. Da war Angst in ihren Augen. Und dann, ein Schuss, ein zweiter, Schmerzensschreie. Plötzlich beschleunigte mein Herzschlag. Wir alle vergaßen unsere Matheprüfung. Alle Schüler sprachen, um die Situation zu verstehen, um sich zu beruhigen. Einigen standen auf und streckten ihr Kopf aus dem Fenster.

„Setzen Sie sich unmittelbar!“, sagte die Lehrerin und zog am Kragen der allzu neugierigen Schüler. „Stellen Sie diese Plaudereien ein und machen Sie sich wieder an die Arbeit!“

Wir suchten eine Erklärung, aber im Grunde wussten wir, was passiert war. Die Demonstration musste eskaliert sein und die Demonstranten mussten fliehen, verfolgt aus kurzer Distanz von der Polizei. Aber was würde uns passieren? 

Die Schüsse hörten auf und die wütenden Schreie wurden bald durch das Wehklagen der Verletzen ersetzt. In dem Raum weinten einigen Schüler. Ich war sehr wütend auf die Regierung, die diese blutrünstigen Ermordungen angeordnet hatte. Alles, was die Regierung wollte, war der Bevölkerung einen Schock zu versetzen, um sie zu überwachen. Es war schlimm, dass die Regierung nicht an jene, die nur leben und frei zu sein wollten, dachte. Es wäre so anders gewesen!

Der schrille Lärm der Klingel rüttelte mich aus meinem Gedanken auf. Die Lehrer, die noch unter Schock standen, sahen einander an. Sie wussten nicht, was zu tun war. Meine Lehrerin kam vor und ergriff das Wort.

„Hört gut zu“, stammelte sie. „Nachdem, was da gerade passiert, verstehe ich, dass viele von Ihnen nach Hause zurückgehen und Ihre Familie treffen wollen. Wir können euch dennoch nicht in diese Gewalt hinausführen. Wir werden eure Arbeiten einsammeln und alle werden ruhig einige Minuten warten, um zu sehen, ob die Situation sich verbessert. Danach werdet ihr hinausgehen durch den Lehrerausgang. Geht bitteschön nicht allein nach Hause, seid mit jemandem zusammen und seid sehr wachsam.“

Die Schüler stimmten ruhig zu und die Lehrer sammelten die Arbeiten ein. Alle Schüler waren sehr gespannt und hatten Angst. Es war das zweite Mal diese Woche. Wie konnte die Schule noch geöffnet werden? Draußen konnte man Ambulanzsirenen hören.

Tatsächlich, nach einigen Minuten, ließen die Lehrer uns aus dem Raum gehen. Niemand sprach. Wir entschlossen uns aus der Schule zu gehen. Auf den Treppen hielte ich die Hand meiner Freundin. Ich erkannte, dass sie Angst hatte, dass ihr Bruder zu der Demonstration gegangen war. Sie war zur einigen Demonstrationen gegangen, bevor die Regierung paranoid wurde und jede Versammlung verbot. 

Sobald wir draußen waren, nahmen wir schnell die Straße, die uns nach Hause führte. Paula wohnte in dem gleichen Wohnhaus wie ich. Es war sehr praktisch um etwas zusammen zu machen. Und weiters war es gefährlich wegen dieser Demonstrationen irgendwo anders hin zu gehen. 

Paula und ich hatten uns Zeit genommen, um mit einander zu sprechen. Paula war sehr schüchtern. Eines Tages hatte sie sich neben mich im Physikunterricht gesetzt. Wir hatten die ganze Stunde einander ausspioniert und hatten nichts zu einander gesagt. Am Ende des Unterrichts hatte sie mir nach Hause zusammen zurückzugehen vorgeschlagen. Wir wagten nicht einander zu berühren. Seit diesem Tag, waren wir immer zusammen zurückgegangen. Danach hatte sie mir zu einem Konzert in einem Park zu gehen vorgeschlagen, und wir hatten uns hinter einem Baum geküsst. Paula und ich hatten schnell eine starke Verbindung geknüpft.

Ich wusste, dass Paula sehr erschüttert war. Sie lächelte nicht mehr und sah verdrossen aus. In einer Weltuntergangsatmosphäre liefen wir allein und still im Regen. Wir versteckten uns unter dem Regenschirm, um nicht von den Überwachungskameras gesehen zu werden. Ich wollte etwas sagen, etwas über die schreckliche Situation, aber ich hatte Angst, dass die verfluchten Kameras was ich sagen würde aufnahmen. Wir trafen niemanden. Alle waren eingeschlossen im Hause. Es war ein sehr trauriger Anblick.

Als wir zu Hause ankamen, empfingen ihre Eltern uns mit Zärtlichkeit. Ihr Bruder war auch hier. Paula war erleichtert.

„Ich werde dich später sehen“, sagte sie mit einem innigen Lächeln.

„Ja sicher“, antwortete ich.

Sie küsste mich und ging. Ich ging ebenfalls. Mein Vater zog im Wohnzimmer die Vorhänge zu, während meiner Mutter das Radio einschaltete. Sie machten das, um nicht von den Kameras aufgenommen zu werden.

„Wie war dein Tag?“ flüsterte mein Vater.

„Sie kamen zur Schule heute! Es ist das zweite Mal diese Woche!“

„Sie haben in einen höheren Gang geschalten“, kommentierte meine besorgte Mutter. „Heute hatte die Polizei bei der Arbeit zwei Kollegen festgenommen.“

„Ich habe es befürchtet“, vertraute mein Vater mir an. „Sie haben Angst, dass wir etwas tun. Weil sie uns nicht manipulieren können, behindern sie uns zu leben!“

„Aber wann wird es stoppen? Wann wird diese Gewalt stoppen?“

„Das weiß ich nicht, mein Schatz“, flüsterte mein Vater mir zu.

Wie hatte man es nur so weit kommen lassen? 

2013 hatte alles mit der Snowden-Affäre begonnen. Snowden ließ heimliche Militärdokumente durchsickern, daüber, wie der amerikanische Sicherheitsdienst durch das Internet die amerikanische Gesamtbevölkerung ausspioniert. Es war eine große Affäre und viel Tinte war schon über die Affäre verspritzt worden. Snowden war nach Russland, wohin viele Whistleblower geflüchtet waren, geflogen.

Dann hatte es 2018 Cambridge Analytica gegeben. Es war schrecklich! Diese Gesellschaft hatte persönliche Daten von Millionen auf Sozialen Medien gestohlen. Sie klassierte Menschen in Persönlichkeitskategorien, um sie für politische Zwecke zu manipulieren. Sie beeinflusste die US-Wahl im Jahr 2016, die Brexit-Wahl im Großbritannien und die Parlamentswahlen in Indien. Es war ein entsetzlicher Vertrauensmissbrauch und ein Machtmissbrauch! Aber war es nicht ausreichend, damit die Menschen die Technologien verlassen. Das Internet hatte Leute getötet. Es scheint, dass einige in psychiatrische Krankenhäuser geschickt werden mussten, weil sie verrückt geworden waren. Wenn man nun denkt, dass Menschen durch Maschinen ersetzt werden würden! Sie waren die Maschinen!

Kurz darauf hatte es viele Demonstrationen auf der ganzen Welt gegeben: Deutschland, Frankreich, Chile, Hong-Kong, Irak, die US, Australien. Menschen hatten gegen die Regierung des Landes demonstriert. Sie hatten gegen Korruption, polizeiliche Repression, Gewalt gegen Frauen oder Klimawandel gekämpft. Sie hatten für ein freies und erträgliches Leben gekämpft.

Danach hatte der amerikanische Sicherheitsdienst Whistleblower zu töten begonnen. Menschen verstanden die Gefahr des Internets und anderer Technologien. Viele zivile Ungehorsam-Bewegungen hatten auf den fünf Kontinenten stattgefunden. Allmählich hatten Meschen die Technologien verlassen. Es hatte mit Soziales Medien, Handys und Laptops begonnen.

Sie hatten die Kontrolle über ihr Leben zurückgewonnen. Sie waren wieder Menschen geworden. Man passte auf einander auf der Straße auf, winkte einander zu, verbrachte mehr Zeit mit Freunden. So war es für einige Jahre, aber, danach, entarteten die Dinge. Die Regierungen konnten uns nicht mehr ausspionieren und sie mochten das gar nicht. Sie begannen Agentennetzen zu erstellen, um die Leute zu überwachen. Menschen demonstrierten und die Regierungen vergalten es mit Gewalt. Es war ein Blutbad! Alle Freiheiten, die wir gewonnen hatten, waren zu seltenen Privilegien geworden.

Ich guckte auf meine Hände, traurig, aufgebracht, empört.  Wie hatte man es nur so weit kommen lassen?

Jemand klopfte an der Tür: es war Paula. Ich stand auf und öffnete die Tür. Sie winkte meinen Eltern zu und folgte mir in mein Zimmer. Ich war glücklich sie zu sehen. Nur nach der Schule konnten wir echte Momente zusammen teilen, wie wir es vorher konnten. Ich schloss die Tür hinter Paula und machte das Licht aus. Wir legten uns auf den Boden und betrachteten meine Decke, auf der wir einen Sternehimmel gezeichnet hatten. Als wir noch konnten, bewunderten Paula und ich gern die Sterne am Abend. Wir blieben in einem Park und warteten auf die Nacht. Wir konnten da stundenlang bleiben und den Himmel beobachten. 

„Lya“, sagte sie. 

„Ja?“

„Wenn wir die Wahl hätten wegzulaufen, würdest du mit mir kommen?“

„Wohin?“

„Nach Westen, in die Schweiz. Es gibt ein kleines Gebirgsdorf am See. Da werden wir glücklich.“

„Wärst du bereit alles zu zurückzulassen, um in den Bergen zu leben?“

Ich streckte mich und ließ meinen Blick über sie gleiten. Sie schaute zu mir und beobachtete mich. Das Licht der Zeichnungen reflektierte in ihren Augen.

„Bist du glücklich hier?“ fragte sie. „Findest du, dass das ein Leben ist?“

„Ich weiß nicht, Paula. Ich möchte meine Eltern nicht verlassen.“

„Sie werden mit uns kommen! Mein Großvater wohnt dort. Er hat einen Garten und wir werden den Himmel bewundern können.“

Ich lächelte und ließ meine Hand über ihre Haare gleiten. Vielleicht hatte sie Recht. Vielleicht sollten wir die Stadt verlassen. Alles wieder neu anfangen. Im Grunde war das, was wir wollten, ein neues Leben.

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