Text 14 – 2020

[ Nach dem Ende ]

Sechs Uhr morgens. Die ganze Welt steht auf, aber Jakob schläft noch. Heutzutage soll niemand einen Wecker brauchen. Alles soll automatisch funktionieren. Anscheinend nicht bei Jakob. Endlich, fünf Minuten später, steht er auf. Wie jeden Tag stößt er sich den Kopf an der gläsernen Struktur, in der er schläft. Alle anderen haben sich schon daran gewöhnt. Jakob anscheinend nicht. Er schaut nach links und nach rechts. Niemand anderes ist zu sehen, nur Tausende von Reihen leerer Schlafhülsen. Er kann überhaupt nicht verstehen, wie er immer der Letzte ist der aufwacht.  

Das virtuelle Plakat erscheint vor seinen Augen und er fängt an, die Knöpfe nach einander zu drücken. Er muss sich beeilen. Wenn er diesen Monat nochmal zu spät kommt, wird er zum Büro des Oberchefs geschickt werden. Hier glauben die Meister nicht an traditionelle Bestrafungen. Stattdessen bevorzugen es die unzählbaren, ungenannten Männer, die diese Welt beherrschen, die Fehler der Menschen mit psychologischen Änderungen in deren Gehirnen zu beheben. Diese Änderungen sind meistens nicht nötig, da die Welt der mysteriösen Meister größtenteils wie geschmiert läuft. Jakob bereitet ihnen immer wieder Kopfschmerzen. Sie zögern aber noch damit, ihn zu löschen. Dadurch könnte die Stabilität ihres Edens zerstört werden. Diese Stabilität hängt von der Beteiligung der Bevölkerung ab und wenn die Menschen zu schnell und zu schwer bestraft werden, sinkt der Wille der Menschen, mitzumachen. Na gut, lass uns hier die Staatsangelegenheiten beiseitelegen. Jakob braucht unsere Aufmerksamkeit.

Kaum aufgestanden steht Jakob vor einem Bedienfeld mit vier Funktionstasten. Er drückt den ersten Knopf und wird sofort aus seinem Schlafanzug ausgekleidet und in seinen Werkanzug gekleidet. Der Vorgang erinnert mich an eine britische Fernsehserie, die ich gesehen habe, als ich jünger war. An deren Name kann ich mich nie erinnern, aber es ging um einen doofen, liebenswerten Mann und seinen sehr klugen stummen Hund. Ich habe sie oft mit meiner Schwester und meiner Mutter geschaut. Eine einfachere Zeit.

Der zweite Knopf kümmert sich um sein Aussehen. Die Zähne werden geputzt, die Haare gekämmt, seine Haut wird gebleicht. Das ist besonders wichtig. Die Reinheit aller Menschen steht außer Frage und wird jeden Tag verstärkt. Als Nächstes bekommt er eine Brille, die er draußen nicht abnehmen darf, zusammen mit Ohrenstöpseln und einer Nasenklemme. Unter gar keinen Umständen darf man die Welt ohne die Brille wahrnehmen. Tatsächlich wusste Jakob aus Erfahrung, dass dieser dritte Knopf der einzige Knopf war, der absolut nötig ist, weil man den vierten Knopf nicht vor dem dritten drücken kann, aber vor dem ersten oder zweiten schon. Deswegen ist er einmal bei der Arbeit in seinem Schlafanzug mit ungepflegtem Haar angekommen. Er trug aber seine Brille, Ohrenstöpseln und Nasenklemme. Niemand wusste, warum sie nötig waren. Niemand fragte. 

Der vierte Knopf, wie ich bereits erwähnt habe, löst ein Portal aus, das ihn zu seinem Arbeitsplatz führt. Er tritt durch das Portal und befindet sich vor der ersten Stufe eines gigantischen Treppenhauses, aber die nächste Stufe ist noch nicht sichtbar. Er muss auf die erste treten, um die nächste zu sehen und so weiter bis er am Gipfel ankommt und bei seinem Arbeitsplatz aussteigt. Hier sieht es eigentlich wie Eden aus. Die Sonne scheint ewig und die Landschaft ist eine perfekte Mischung aus unberührten Skipisten, grünen sanften Hügeln und einem leeren Badeort. Es gibt nichts zu beklagen. Jakob schaut nach rechts und nach links. Jeden Tag nimmt dieses Paradies eine andere Form an. Jeden Tag schöner und ansprechender als der letzte. Jakob ist aber… 

 

NICHTS

Die Verbindung wurde kurz unterbrochen, irgendeine Computerstörung. Aber wie unhöflich von mir, dass ich mich gar nicht vorgestellt habe. Ich bin Julia. Ich habe überlebt. Das ist aber genug von mir. Diese Geschichte handelt von Jakob. Es dauert ein Moment bis ich ihn wiederfinden kann. 

Er steht jetzt mit allen anderen vor einem virtuellen Schirm. Jeder sieht das Gleiche ganz oben, aber die untere Hälfte enthält den Tagesplan von jeder Einzelperson. Zuerst gibt es eine Arbeit, dann das Mittagsessen, dann Freizeit, dann noch eine Arbeit und am Ende das Abendessen. Die Arbeit dient keinem Zweck, aber die Meister haben herausgefunden, dass die Menschen ohne Arbeit sehr unzufrieden sind. Deswegen sind die Aufgaben eher kreativ und man tauscht seine Arbeit zweimal pro Tag. Sie fangen mit einer kurzen Erklärung der Aufgabe an. Dann werden die Bande innerhalb der Mannschaft durch bestimmte Übungen verstärkt. Schließlich haben sie die Gelegenheit, diese Aktivität auszuführen, aber die Regeln sind nicht streng und es gibt keinen Druck, etwas zu erreichen. Alle gehen glücklich herum. Alle außer Jakob. Er ist irgendwie anders als seine Landsmänner. Ich frage mich ständig, wie er je gewählt worden sein könnte. Er sieht nie zufrieden aus, sondern stellt seine Aufgabe ganz mechanisch fertig. Das ist doch ironisch, oder?

Ab und zu verliert er die Aufmerksamkeit und wandert weg. Niemand bemerkt das oder kümmert sich um ihn. Was denkt er? Was geschieht in seinem kleinen runden Kopf? Hat er eine Ahnung, in was für einer Welt er wohnt? Es ist merkwürdig an alles zu denken, was er nie erfahren hat, beziehungsweise an was er sich nicht erinnern kann; Krankheiten, Krieg, Konflikte im Allgemeinen, Liebe… die Liste könnte ewig weitergehen. Was für ein Leben ist das?

Ich kann mir vorstellen, dass ihr euch fragt, ob ich der letzte echte Mensch bin. Die Antwort weiß ich nicht. Jahrelang habe ich niemanden gesehen, mit niemandem gesprochen, niemanden umarmt. Deswegen schreibe ich. Es ist alles, was ich tun kann. Wenn ich der einzige überlebende Mensch bin, bin ich jedenfalls dazu verpflichtet, über das Aussterben der Menschheit zu berichten. Zumindest ist das meine Aufgabe. Kaum überraschend angesichts der Tatsache, dass ich in meinem ehemaligen Leben Journalistin war. Das fühlt sich an, als wäre es so lange her. 

Ich sollte nicht so abgelenkt werden. Wo ist Jakob? Ich habe ihn verloren. Diese Brille ist schmutzig. Ich tausche sie gegen eine andere Brille. Das ist besser. Dort steht Jakob, weit entfernt von dem Ort, an dem er sein sollte. Er fängt zu rennen an. Das macht niemand hier. Laut den Regeln darf man nicht rennen, aber er macht es trotzdem.

„Ich erinnere mich! Ich erinnere mich! Das Leben war nicht immer so!“ schreit er.

Wie kann das sein? Das ist unmöglich. Ich bin die einzige Erinnerung einer verlorenen Welt. Er schreit nochmal, diesmal etwas Zusammenhangloses über Mona und seine Mutti. Er springt friedensvoll und er singt laut mit einer Stimme, schöner als alles, was ich je gehört habe. 

Der virtuelle Schirm erscheint nochmal vor seinen Augen. Eigentlich gibt es mehrere Schirme. Sie umgeben ihn. Ich habe die Meister noch nie gesehen, aber sie sind plötzlich hier. Sie rennen schnell zu Jakob. Aber sie kommen zu spät. 

„Nein! Tun Sie das nicht!“ schreien sie alle gleichzeitig, „Bitte!“

Er nimmt die Brille ab, schaut nach rechts und atmet tief ein. Er nimmt einen Ohrstöpsel heraus, schaut nach links und fängt an zu weinen. 

1 thought on “Text 14 – 2020”

  1. Harry Hughes says:

    I loved it. Such a fun poem. Really had me hooked throughout!

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