Text 11 – 2022

[ Mutter ]

Letzte Nacht träumte ich, dass wir uns wiedergesehen haben.

Wir sitzen gerade im Café. Du trägst ein gelbes Sommerkleid mit violetten und weißen Blümchen – ich vergesse ihre Namen, eine Art von Gänseblümchen vielleicht. Die Blümchen hüllen deinen Bauch ein und es ist, als ob das kleine Kind mit Blättern und Laub in deinem Bauch gehalten wird. Ich bewege meine Hand auf meinem Bauch und ich stelle mir vor, wie es wäre, ein winziges, wachsendes Kind wie dieses violette Gänseblümchen in mir zu haben. Das ist vielleicht die einzige Sache, die wir immer noch teilen: die Fähigkeit, Kinder zu haben, neues Leben zu schaffen. Es ist sicherlich ein Wunder. Aber es ist doch nicht genug.

Ich starre wieder auf deinen Bauch und ich merke unter den Blümchen und den winzigen Ranken einen Fleck blauer Malerfarbe. Er formt einen kleinen Fluss im Garten deines Bauchs. Vielleicht entscheidest du gerade, in welcher Farbe du das Kinderzimmer malen solltest. Ist blau zu männlich? Unterstütze ich Geschlechterstereotypen? Blau für Jungen, rosa für Mädchen. Quatsch. Ich weiß das Geschlecht noch nicht. Nein, blau ist ruhig und friedlich wie der Himmel. Ich mag blau, denkst du.

Die Kellnerin kommt mit unseren Kaffees und wir danken ihr und ihrem lächelnden Gesicht mit blauen Augen. Ich mag blau, denkst du. Du starrst tief in den Kaffee und ich sehe Ringe eines goldschimmernden Lichts wie Heiligenscheine in deinen Augen. Ich weiß, dass dieses Licht von den künstlichen Lichtern oben kommt aber ich will denken, dass es etwas Romantisches oder Magisches, wie Sternenlicht in deinen Augen ist. Ich will dich immer noch vergöttern. Trotz allem bist du wie ein Märchen für mich, vertraut aber nicht real. Ich bin nicht mehr deine Tochter. Oder vielleicht bin ich in deinem Bauch. Ich weiß es nicht.

Ich nehme meine Kaffeetasse und meine Hand zittert. Ich hoffe, dass es nicht zu offensichtlich ist, dass ich ängstlich bin. Aber ich verschütte ein bisschen Kaffee auf meinen Schoß. Ich keuche, als ich den scharfen, brennenden Schmerz fühle. Ich hoffe, dass du mir helfen wirst den Kaffee aufzuwischen. Aber du machst nichts und du schlürfst deinen Kaffee in deinem gelben Sommerkleid. Gar nichts. Die ersten Ritzen werden sichtbar.

Der brennende Schmerz lässt nach und jetzt fühle ich nur mehr ein scharfes, kribbelndes Gefühl. Ich blicke dich an und ein Lächeln formt sich auf deinem Gesicht. Es ist ein eckiges, grausames Lächeln. Es ist, als ob du mein Unbehagen genießt. Oder meinen Schmerz. Ich weiß es nicht. Die Ritzen werden sichtbarer. Wir reden über das Wetter. Vielleicht, weil es neutral ist. Belanglos. Wir freuen uns auf den Frühling, obwohl er schon vorbei ist.

,Wegen der Gänseblümchen’ sagen wir gleichzeitig. Wir lachen. Vielleicht ist nicht alles zwischen uns verloren. Du drehst dich um und bittest die Kellnerin mit den blauen Augen um einen weiteren Kaffee. Wenn du dich bewegst, tanzen die Gänseblümchen auf deiner Schulter.

Ich erinnere mich daran, als wir in meiner Kindheit zusammen Gänseblümchen gepflanzt haben. Du hast mir gezeigt, wie tief ich die Samen in den Erdboden setzten solle. Wie viel Wasser ich den Blümchen jeden Tag geben solle. Dann hast du meine Stirn geküsst. Ich habe gelächelt. Sie ist stolz auf mich, dachte ich. Ich habe versucht, dich zu umarmen, aber du warst schon weg.

Du fragst mich, ob ich Pläne für den Sommer habe. Ich erzähle, dass ich verreisen möchte. Vielleicht nach Italien. Vielleicht nach Frankreich. Du lachst und sagst, dass ich zu viele Träume im Kopf habe. Warum bist du als Erwachsene immer noch so kindisch, denkst du? Du lachst weiter und mit jedem Kichern fühle ich einen scharfen Schmerz in meiner Brust. Ich starre dich an und es ist, als ob die Gänseblümchen auf deinem Kleid dunkel und verwachsen werden. Sie verdorren und formen graue Schatten auf deiner Schulter. Die Ritzen werden immer sichtbarer.

Ich erinnere mich an die schwarzen Stängel meiner Gänseblümchen in unserem Garten. Ich habe so viel geweint. Sie sind gestorben. Was habe ich falsch gemacht? Ich habe sie jeden Tag gegossen. Jeden Tag, dachte ich. Du hast mich und bald auch meine schwarzen Gänseblümchen gesehen. Du hast eine Grimasse gemacht. Eine schreckliche Grimmasse. Sie ist nicht mehr stolz auf mich, dachte ich. Ich versuchte zu erzählen, dass ich sie jeden Tag gegossen habe. Aber dein Gesicht wurde nur ärgerlicher. Ich habe wieder auf die schwarzen Gänseblümchen geguckt, als ob meine Tränen sie wieder zum Leben erwecken könnten. Ich habe sie jeden Tag gegossen. Jeden Tag. Im Moment des blinden Zorns hast du mich mit deiner offenen Hand geohrfeigt. Ich habe wieder den scharfen, brennenden Schmerz meines Kaffees im Gesicht gefühlt. ,Du hast sie ertränkt, was habe ich gesagt?’ Danach bin ich ins Haus gelaufen. Den ganzen Abend hindurch habe ich geweint. Ich dachte nur an meine schwarzen, verdorrten Gänseblümchen und deine Enttäuschung.

Am nächsten Tag habe ich Gänseblümchen auf meiner Fensterbank gefunden. Sie waren weiß und violett. Vielleicht habe ich sie in meinen Träumen wieder zum Leben erweckt, dachte ich. Ich bin zur Fensterbank gelaufen. Es war wie ein Märchen. Die Blümchen hatten meine Bitten gehört. Sie sind wieder am Leben. Aber die Fantasie war bald vorbei, als ich den Zettel gesehen habe. Unter den violetten und weißen Blütenblätter der Gänseblümchen gab es einen kleinen Zettel mit den Worten ,von deiner Mutter’, die mit blauer Tinte geschrieben waren. Es war doch kein Märchen. Ich hatte sie nicht durch meine Träume zum Leben erweckt. Ich war so kindisch. So naiv. Sie waren ein Geschenk. Eine Entschuldigung. Von deiner Mutter.

Ich frage nach deinem Entbindungstermin. 31. März, sagst du. Das ist mein Geburtstag. Im Frühling, mit den schönen Gänseblümchen. Du erzählst, dass du das Geschlecht noch nicht weißt. Das Kind wird dunkle Haare mit blauen Augen haben, wie ich, denke ich. Dunkle Haare, obwohl du blonde Haare hast. Eine weitere Enttäuschung. Jedoch wird das Kind zumindest blaue Augen haben, wie du immer geträumt hast. Das sind dann zwei Sachen, die wir teilen: die Fähigkeit, Kinder zu haben und blaue Augen. Aber es ist immer noch nicht genug.

Du guckst die Kellnerin mit den blauen Augen wieder an, als sie einem alten Mann mit grauen Haaren und silberner Brille einen Kaffee gibt. Du fragst mich, ob blau eine gute Farbe ist. ,Ja, blau ist gut’ sage ich. ,Ich mag blau’ sagst du in Übereinstimmung, wie tief in deinen Gedanken. Ich erinnere mich in meiner Kindheit und die blauen Wände. Blau ist gut. Blau ist ruhig und friedlich wie der Himmel.

Die Kellnerin kommt mit der Rechnung und du starrst tief in ihr Gesicht als du ihr Trinkgeld gibst. ,Du hast schöne Augen’ sagst du der Kellnerin und ich starre sie an, als die Ringe des künstlerischen Lichts wie goldschimmernde Heiligenscheine wieder in deinen Augen erscheinen. Ich höre wieder: Blau ist gut. Blau ist ruhig und friedlich wie der Himmel. Wir verabschieden uns. Es gibt keinen Kuss, keine Zuneigung. Du verschwindest in den Straßen in deinem gelben Sommerkleid, wie ein Märchen. Vertraut, aber bist du real?

Ich bin jetzt aufgewacht. Ich besuche gerade dein Grab mit Gänseblümchen in meiner Hand. Sie sind weiß und violett, wie dein gelbes Sommerkleid. Ich setze mich auf dein Grab und küsse den kalten Grabstein, sowie ich wünsche, dass du mich wieder küssen könntest. Der Himmel ist blau und es gibt keine Wolken. Blau ist gut. Ich starre auf deinen Grabstein und ich lese das Wort ,Mutter’, das im Stein eingeritzt ist. Ich wünschte, dass wir uns wieder sehen könnten. ,Mutter’ : sechs Buchstaben, die so viel bedeuten, oder sie bedeuten gar nichts. Ich weiß es nicht. Du hast mir nie erlaubt, dich ,Mutti’ zu nennen. Warum? Zu viel Zuneigung vielleicht. Oder zu kindisch. Sorge dich nicht, du wirst Mutter bleiben, sogar im Erdboden. Vielleicht sollte ich versuchen, die Gänseblümchen in den Erdboden zu pflanzen. Vielleicht könntest du die Gänseblümchen von unter dem Erdboden hervor erreichen. Nein, ich werde es wieder falsch machen, ich bin sicher. Ich will deine Enttäuschung nicht. Ich fühle deine Enttäuschung jeden Tag, als ob sie durch den Erdboden käme. Eine Nachricht vom Erdboden. Vom Grab. Von deiner Mutter. Wie der Zettel aus meiner Kindheit. Deswegen lasse ich die Blümchen in den Ritzen des Grabsteins liegen. Die Ritzen sind immer sichtbar, denke ich. Ich gehe zurück durch den Friedhof nach Hause. Ich merke, dass es überall violette Gänseblümchen gibt. Nur violett und keine weißen Blümchen. Ich weiß nicht genau, was das bedeutet. Vielleicht werden wir uns wieder sehen. Vielleicht nur in meinen Träumen.

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