Text 03

[Kann ich mit dir reden?]

Nach dem Krieg dachte ich, dass die Welt zu gnadenlos und übel war, um noch ein Kind in sie zu bringen. Ich schwor, dass ich kein weiteres Leben in die Welt bringen würde. Das Leben während des Krieges lohnte sich nicht. Jeden Tag hatte ich Angst davor, dass Jan nicht zurückkommen würde. Ich hatte Angst vor dem, dass Jonathan wegen der Kriegspropaganda mal in einem Krieg kämpfen wollen würde. Ich fühlte mich ständig unsicher und leer. Nach dem Krieg waren noch immer überall Ruinen. Unser kleines Land war auf die Knie gefallen. Es war fast nicht zu erkennen und auf keinen Fall das Land, in dem meine Kinder geboren wurden. Aber in den letzten Jahren habe ich angefangen, ein Land zu erkennen, in dem ich ein Kind wieder gern erziehen würde.

Was ist los?

Ich kann mir nur vorstellen, was Jan im Krieg erlebt hat. Er hatte keine Wahl. Eines Tages bekamen wir einen Brief und zwei Tage später stand ich auf einem Bahnsteig und küsste meinen Mann vielleicht zum letzten Mal. Die ersten paar Jahre nach seiner Rückkehr war er ein anderer Mann als der, den ich geheiratet hatte. Er war zurückhaltend und distanziert. Er spielte mit den Kindern und versuchte zu seinem normalen Leben zurückzukehren, aber ich konnte immer fernen Schrecken in seinen Augen sehen. In letzter Zeit hat er wieder angefangen richtig zu lachen und man kann sein Lächeln in seinen Augen sehen, nicht nur an seinen Lippen. Endlich ist mein Mann vom Krieg zurückgekommen.

Aber Schatz, denkst du ernsthaft, dass Frauen so viel wie Männer verdienen sollen?

Nachdem Henni geboren wurde, weinte ich. In dem Moment, in dem ich erfasste, dass ich eine Tochter hatte, musste ich einfach vor Frustration weinen. Noch ein Mädchen in dieser Welt, dessen Leben von Männern diktiert werden würde. Ihre Geburt war kurz nach dem Atttentant des Erzherzogs und ich hatte das Gefühl, dass Österreich bald in einen Krieg aufbrechen würde. Ich wollte auf keinen Fall, dass meine Tochter während eines Krieges aufwuchs. Niemand will ein Mädchen in der Nähe von Soldaten sein.

Denken Sie an die Kinder. Heutzutage müssen so viele Frauen ihre Familien allein erziehen. Wir brauchen Geld für unsere Kinder, die sowohl ohne Vater als auch arm leben müssen.

Aber jetzt habe ich keine Angst mehr davor, ein Mädchen in die Welt zu bringen. Wir sind Männern gleichberechtigt. Wir können arbeiten, wir können wählen, wir haben uns endlich Respekt verschafft. Jan arbeitet Tag und Nacht im Geschäft, um für unsere Familie zu sorgen. Das Leben ist endlich lohnend geworden und ich denke, dass es etwas damit zu tun hat, dass ich den Kunden begrüβe und ihm beim Einkaufen helfe, während mein Mann die Kleider näht. Ich kümmere mich nicht mehr nur um die Kinder, sondern um unsere Zukunft und unser Einkommen.

Entschuldigung Liebling, aber wir haben Nachricht aus den USA: Nach dem Zusammenbruch der amerikanischen Wirtschaft befinden sich die Börsen weltweit in einer Krise.

Auf einmal wird alles auf der Erde unsicher. Werden Menschen immer noch Kleider kaufen, wenn sie kein Geld für Essen haben. Der Mensch braucht doch Kleidung. Ich denke an die früheren Jahren nach dem Krieg und wie schwer es war, einfach ein Stück Brot zu kaufen. So schlimm könnte es nicht wieder sein. Ich lege eine Hand auf meinen Bauch. Ich blicke in die Augen meines Mannes. Ich spüre seine Angst. Er weiβ noch nicht alles. Ein Knoten wächst in meinem Rachen.

Ich bin Schwanger.

Leave a Reply

Your email address will not be published.