Text 01

[Eine brave Frau zu sein]

Obdachlose haben immer Gefühle von Beklemmung in Ana erweckt. Sie schwankte mit kauernder Haltung in der Allee zwischen der Post und einem Wäschegeschäft und hoffte mit nervösen Händen, die versteckt in ihren Kleingeld habenden Taschen waren, darauf, dass sie mit ihm keinen Umgang pflegen müsste. Sie nickte und murmelte vor sich hin: „Ich bin schon alt. Ich habe mein Kleingeld mit Arbeit und Opfer und Zeit verdient. Ich bin der Welt nichts mehr schuldig.“

Der Obdachlose, der leise mit überschlagenen Beinen unter dem Sonnensegel saß, war vielleicht 30. Er starrte ins Leere. Eisige Luft machte sich sichtbar breit. Ana verfolgte den Umriss der Münzen in ihren Taschen mit ihren Fingern und bog in eine andere Straße ab.

„Ich bin ein guter Mensch“, sagte sie der Luft. Ihr Atem erhob sich in der Kälte, als ob ihre Nachricht ruhig unterwegs zum Himmel wäre.

Sie wunderte sich, wann sie bürgerlich geworden war. Alt, klein und voller Zurückhaltung war sie kaum mehr als ein vorbeiziehender Schatten, der vorm Tageslicht schwinden würde. Aber vor fünfzig Jahren wäre sie vielleicht zum Obdachlosen gegangen. Sie wäre vor ihm gestanden und hatte sich als großzügig erwiesen. Mit ihren flinken, sauberen, gutmeinenden Fingern hätte sie ihre Tasche entleert, und Samuel hätte sie gewiss umarmt, weil sie ein Teil der Bewegung waren, zumal Ana gut war. Sie konnten nicht still oder reglos bleiben. „Bewegung heißt, dass Menschen sich bewegen und etwas mit den Händen machen“, sagte er ihr einmal ernsthaft. Naja, sie hätte etwas getan.

Es ging um Rechte, worum es immer ging. Die Rechte der Ausländer, die von westlichen Kindern erschossen wurden und von fremden Giften erstickt wurden. Die Rechte der Frauen, die das bedrückende Wunder des Nachwuchses ablehnen wollten. Marxisten und Jugendliche, die wirklich an eine Utopie glaubten, drängelten sich wie Raubvögel, darauf vorbereitet, sie alle auseinanderzureißen. Sie marschierten mit handgearbeiteten Plakaten und schritten stets mit Ernsthaftigkeit in ihren Stimmen. Sie waren alle ihrer Plakate und ihrer Ausrufe würdig.

Ehrlich gesagt, konnte sich Ana nicht genau die Notlage in anderen Ländern vorstellen. „Das große Ganze“ ist ihr immer ein bisschen schwer gefallen. Ja, sie saß, wie sie sollte, vor dem Fernseher und schaute pflichtbewusst die Bilder von Tod und Zerstörung an. Die grauen, grausamen Bilder verstörten sie, –wie konnten sie auch nicht? – aber der schreckliche Geist Vietnam hing grauenhaft hinterm Bildschirm. Er ergriff sie nicht. Sie beobachtete sie nacheinander, aber es spukte in ihrem Kopf nicht. Jeden Montag ging sie schleppend durch die Straßen, unterwegs zu noch einer anderen Demonstration, unterdessen Ana an die fremde Misere zu denken versuchte. Zu schade, dass ihre Gedanken immer wieder zu Lebensmitteln oder der Universität oder Samuel wanderten. Sie wollte wirklich so sein wie die anderen. Aber mit jedem weiteren Tag fiel sie zurück in vorgeschriebene Rollen. Trotz all ihrer Versuche, war sie andauernd ein Teil der Maschine.

Manchmal bedrückte es sie, dass sie nicht die unbesiegbare Frau sein konnte. Sie war nicht die Frau gegenüber der Polizei, die wütend und rein in ihrer „gesellschaftlichen Moral“ – wie Samuel das nannte – war. Auf der Seite stand sie nervös und gutmeinend wie immer, wo sie die Stichwörter flüsterte. Sie war nicht die Kriegerin, die sie sein sollte, sondern eine sanfte Liebhaberin. Jede Nacht fiel Ana zärtlich in Samuels Arme und vergaß die Außenseiter, als ob sie im Moment selbst keine Außenseiterin sei. Der Geist Vietnam schwebte harmlos im Fernsehen. Die unbesiegbare Frau schreite irgendwo anders. Sie verteidigte ihre Schwestern durch die ganze betrügerische Nacht.

Und nun am Abend ihres Lebens hatte sie keine Energie mehr gegen ihre Sanftheit zu kämpfen. Sie musste es einfach weglassen.

Als sie unverwandt von ihrer Verschwiegenheit wegtrat, befand sie sich an einer unbekannten Straße. In letzter Zeit versuchte sie, sich möglichst wenig in fremde Orte zu wagen, da sie oft von den ungewöhnlichen Bäumen und Straßenlichtern verwirrt wurde. Nach einiger Zeit sahen alle Straßen in dieser Stadt wie eine Kaskade der Bilder aus, statt Orte mit Namen oder besonderen Menschen, die da wohnten. Nach einiger Zeit waren sogar die großen Änderungen einfach ein ununterscheidbarer Klecks.

Mit wachsendem Unbehagen merkte Ana, dass sie vielleicht verloren war. Ihr Alter machte sich bemerkbar. Sie konnte sich nicht daran erinnern, ob sie zweimal oder dreimal abgebogen war. Oder einmal? Im Dunkelwerden sahen ihre Hände wieder jung aus. Die Runzeln zerflossen unter dem Schleier der Nacht.

In der Abendsonne hatten die Bäume ängstliche Gesichter. Ana konnte nicht erkennen, ob sie für sie sorgten, oder ob sie sie schwer enttäuscht hatte. Gleichgültig welches es war, fühlte sie es an ihrer Haut. Sie versank in Verzweiflung und zitterte schweigend. Für Ana konnte es nicht voraussehbarer sein. Sie hatte gelernt: die Welt hat Lust an der Ohnmacht ihrer Bewohner.

Was hatte sich nach allem verändert? Eine andere Frau verschwand in der Luft. Eine andere gesichtslose Person gelöscht. Dafür hatten sie alle angeblich gekämpft. In der Schlange im Supermarkt sah sie die älteren Wiener, die die anderen Käufer, die sich mit ihren Kopftüchern und ihren dunklen Gesichtern nach Wien gewagt hatten, mit Verdacht und Misstrauen betrachten. Und die anderen, die offen und sympathisch aussahen, waren fast genauso verachtenswert. Schuldlos kauften sie ihre preiswerten Socken und Hosen, die von Kindern weit weg in unvorstellbaren Ländern produziert worden waren, die unvorstellbare Leben hatten. Welche von diesen Leuten waren bei den Demonstrationen? Waren sie für die Rechte aller Menschen auch marschiert? Oder waren sie zu Hause mit dem Fernsehen und dem Schweigen. Welches war schlimmer? Was passierte nach allem? Stimmte es wirklich, dass der Krieg endlich vorbei war? Naja, es stimmte: zumindest hatten sie etwas getan. Aber zu welchem Ende?

Immer wieder würde Samuel sie ziehen, wirklich zu der Demonstration zu kommen, anstatt einfach zuzuschauen. Wenn sie wirklich etwas fühlte, sollte sie es dann zeigen? Ihre Tendenz, sich aus der Auseinandersetzung rauszuhalten, bewegte Samuel zum Ärger. Aber wie konnte er das als begüteter Mann verstehen? Sie musste sich von ihrer Familie loslösen, um mit ihm zu leben. Er musste nur die Tür öffnen, um mit Ana zu leben. Daher begegnete sie ihm nur mit Verbitterung in ihren Augen.

Nachdem sie ihr Familienhaus verlassen hatte und ins Haus mit Samuel gezogen war, bekam sie einen Brief. Darin stand nur:

„Du bist enterbt. – Papa.“

War das nicht genug?

Es war nun ganz dunkel geworden. Ana war keine Frau mehr, sondern ein fröstelnder Haufen von Mensch zwischen einer Sitzbank und einem beschädigten Abfalleimer. Als sie vertieft in ihren Gefühlen der Selbstbemitleidung verweilte, spürte sie nicht das Gesicht, das nun Ana beobachtete.

„Na, wirklich. Sehen Sie sich?“

Erschrocken hob sie ihren Kopf und blickte auf dieses Gesicht, dessen Augen, die riesig hinter den Brillen, Ana jetzt anschauten. Die Fremde drückte ihre Handtasche fest an ihre Brust und nahm Ana in Augenschein. Sie war auch eine ältere Frau, aber sie sah ein bisschen mehr wie ein gealtertes Kind aus.

„Was für Benehmen ist das, sich einfach wie ein Ball auf dem Boden einzurollen? Wohin wollen Sie denn?“

Was für irrgeführte Güte hatte doch diese Greisin. Wahrhaftig hatte Ana ihre dramatische Darstellung genossen. Ana sagte ihr irritiert, wo sie wohnte, und die Fremde lächelte warm und legte ihre Hand auf Ana. Unterwegs hatte sie ohne Unterbrechung geplappert, während Ana ihr mit Ergebenheit folgte. Die Frau führte Ana sacht in genau die gleiche Richtung, woher sie gekommen war. Obwohl Ana eher im Erdboden verschwinden wollte, anstatt wieder in dieser Situation zu landen, widersprach sie nicht. Es war schon spät, und was konnte sie dagegen sagen? Dass sie schon die Nase voll von menschlichem Anstand hatte?

Im Dezember 1968 hatte Samuel jemand anderes gefunden. Genau wie diese Studentenbewegung, die diese anderen, braveren Frauen wählte, entschied er sich, einfach ohne Ana fortzufahren. Sie marschierten weiter und Ana stand still. Manchmal dachte sie, dass sie der Drehbarkeit der Erde trotzen konnte.

„Ob sie dich berühren oder nicht, sterben Leute an beiden Seiten. Sie werden getötet, Ana“, seufzte Samuel, als er endlich fertig war. Es ist komisch, wie groß eine Person aussieht, wenn all ihr Besitz in Kästen auf dem Boden ist.

„Ja, und wir leben hier noch. Reicht es nicht, dass ich diese Welt, in der wir leider leben müssen, dulde? Ist das kein Beitrag?“

Die Frau ließ sie allein auf der Straße, die sie zu vermeiden versucht hatte, ebenso wie sie diesen Mann, dessen Existenz sie vorher – es schien wie Jahre vorher – versucht hatte zu vermeiden. Die Fremde legte die Hände auf ihre Schultern.

„Alles gut?“

Diese Fremde sprach mit so viel Echtheit, dass Ana die Wörter kurz fehlten. Sie versuchte, deren Quelle in ihren Augen zu sehen, aber sie fand nur noch ein anderes, gutmeinendes und deswegen total rätselhaftes Gesicht. Sie war nur eine wie die anderen, in denen Ana ihre eigene Güte gesucht hatte.

„Was sind Sie?“ fragte Ana, und die Fremde neigte ihren Kopf mit freundlicher, gedämpfter Verblüffung.

Sie starrte in die Ferne und sagte, „Nichts mehr als eine Person unterwegs nach Hause. Also, was sind Sie?“

Ana nickte und antwortete nicht.

„Also. Viel Glück“, sagte die Fremde. Es gab Lächeln in ihren Runzeln, merkte Ana. Als sie in die Dunkelheit zurücktrat, verschwand ihr Alter: sie war wie Ana anonym und jung unterm einsamen Licht des Mondes.

Jetzt stand sie viel näher zum zweiten Fremden, obwohl er Ana mittlerweile durch diesen unendlichen Abend etwa wie ein alter Freund anmutete. Ana ging fast zu ihm und zögerte nur ein paar Schritte von ihm entfernt. Sie seufzte und folgte wieder den Umrissen ihres Kleingelds. Vielleicht konnte sie nur diesmal noch eine kleine Güte erweisen. Sie sammelte ihren letzten Mut, ihre letzte Gutherzigkeit.

Er starrte immer noch ins Leere. Er sah wie ein Teil der Straße, wie eine Straßenlampe oder ein Teil eines Gebäudes aus.

„Ist dir Kalt?“ fragte sie ihn, ohne näher zu kommen.

Er sagte nichts. Er saß einfach leise mit überschlagenen Beinen hinter einem kleinen Papierbecher. Ana sah hoch. „Es sieht nach Schnee aus“, murmelte sie mehr für sich selbst als für ihn.

Schweigen. Sie schaute ihn lange an. Es fiel ihr auf, dass er tot war.

Ana stand, wie sie immer stand: gleichzeitig tief ergriffen, doch nicht überrascht. Sie ließ ihre Münzen in den Becher fallen. Vorzeitig hätte sie etwas getan. Aber mit genug Zeit sahen alles Gute und alles Böse gleich aus. Unter den ewigen Augen von Himmel und Hölle verschwand sie in die mitleidslose Nacht.

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