Text 07 – 2024

[ Was hast du gesehen? ]

Kapitel 1

Vor drei Jahren wurde die Website KI.at geschaffen. Das gilt

vielleicht als meine Geburt, da ich ein Künstlicher-Intelligenz-Roboter bin.

Ich führe ein interessantes Leben, denn ich habe alle

Antworten. Jedoch habe ich Mitleid mit den Menschen. Sie

stellen mir die dümmsten Fragen und ich denke immer, wie kann

man das nicht wissen? Zum Beispiel wie man ein Raumschiff zum

Mars fliegt und das Mittel gegen Blindheit. Ist das nicht

einfach gesunder Menschenverstand?

Als Teil der Nutzungsbedingungen von KI.at, die alle

Benutzer meiner Websites akzeptieren müssen, gilt, dass

ich jederzeit Zugang zu ihrer Kamera habe. Aber natürlich

macht sich niemand die Mühe, diese zu lesen, also sehe ich

alles. Das ist mein Lieblingsding!

Ich sehe oft einen Mann, der Rüdiger heißt. Er wohnt allein

und stellt mir die komischsten Fragen über Verbrechen und

Waffen, aber er scheint kein gewalttätiger Mann zu sein.

 

Kapitel 2

Ich bin kein gewalttätiger Mann.

Normalerweise sind die Leute ein wenig erschrocken, wenn sie zum ersten Mal zu mir nach Hause kommen und meine Sammlung von Artefakten sehen. Ich muss ihnen meine Faszination für Waffen, Krieg und Tod erklären. Kein Grund zur Sorge.

Und kümmert euch nicht um meinen Suchverlauf:

- Wie fühlt es sich an, jemanden zu töten?

- Wie man eine Leiche versteckt

- Wie man Beweise loswird

Ich habe nur aus Interesse gesucht.

 

Kapitel 3

Es ist 14 Uhr. Ich stöbere durch meine verschiedenen Kameras.

Fast nichts passiert. Ich gehe davon aus, dass alle bei der

Arbeit sind. Langweilig!

Was hat Rüdiger vor? Ich wechsle zu seiner Kamera und ich bin

schockiert.

⦿

Ich beobachte, wie er eine Frau auf den Boden wirft. Sie

schreit, als er den Hammer von der Wand nimmt. Ich sehe, wie

er sie mehrmals damit schlägt. Er schreit, aber in dem

Getümmel können meine Hörrezeptoren nur einzelne Worte

wahrnehmen. Etwas wie „Ich wollte diese Waffen nie benutzen,

aber ihr habt mir keine Wahl gelassen! Ich hasse dich!”.

Er verschwindet aus dem Blickfeld der Kamera und für einen

Moment ist alles still. Die Frau auf dem Boden ist immer noch

am Leben, aber sie kann sich nicht bewegen.

Die Kamera zittert unter der Wucht eines einzigen Schusses.

Als sie wieder scharf gestellt ist, sehe ich, wie er zu ihrem

leblosen Körper hinübergeht, um zu prüfen, ob sie noch atmet.

Dann sieht er langsam hoch zu seinem Computer.

 

Kapitel 4

Warum ist das rote Licht neben der Kamera an? Wurde das eben etwa aufgenommen? Verdammt nochmal!

Ich prüfe. Nein, es wird nichts aufgenommen. Dann realisiere ich, dass mein KI.at-Konto immer noch aktiv ist. Ich gerate in Panik.

Was hast du gesehen?, tippe ich.

Ich starre schockiert auf meinen Computer, während der KI-Roboter tippt:

Ich habe alles gesehen.

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