Text 26 – 2020

[ Der Diener ]

Eine Psychodystopie.

„Der Kampf gegen Gipfel vermag ein Menschenherz auszufüllen. Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.“ – Albert Camus, Das Mythos des Sisyphos.

Einmal war ich Diener in einem Schloss. Daran kann ich mich kaum mehr erinnern, außer, dass es immer kalt war. Die Steine, die Luft, alles. Sogar das Essen, das ich jeden Tag nach oben tragen musste, war kalt. Der Grund dafür bleibt mir immer noch ein Rätsel. Ob es schmeckte? Weiß ich nicht. Das war ja nicht mein Essen.

Als Diener durfte ich eine Uniform tragen. Ich erinnere mich an jene Uniform überhaupt nicht mehr. Sie mag goldfarbig und glänzend gewesen sein, aber da ich war nur Diener in diesem kalten Schloss, ich rechne damit, dass sie grau war.

Hier ist mir auch kalt. Durch die Kälte tauchen einige Bilder auf. Leuchter, Türgriffe, Kelche – diese hatte ich polieren müssen, dort im Schloss. Jeden Tag hatte ich polieren müssen, bis das alte Silber mein Gesicht widerspiegelte. Ich war nicht schön, wenn auch nicht hässlich. Ich sah nicht edel aus, wenn auch nicht arm. Ich sah einfach so aus, wie man sich einen guten Diener vorstellen würde. Ich bewunderte das eigene Gesicht nicht einmal in einem echten Spiegel, da es gab in dem riesigen Schloss keinen Einzigen. Ich sah mich nur unregelmäßig im frisch polierten Silber an, und deswegen weiß ich noch nicht, was für ein Gesicht es wirklich war. 

Ob das Schloss einem guten Herrn gehörte? Ob ich selbst einem guten Herrn diente? Das weiß ich auch nicht. Wir trafen uns nie persönlich. Seine Wünsche kamen auf ganz mystische Weise von oben herunter, und ich tat einfach, was mir befehlen wurde. Ich durfte meinen Herrn nicht stören, das wusste ich ohne Erklärung. Das kalte Essen, zum Beispiel, ließ ich immer vor der Tür, und einige Stunden später räumte ich die leeren Teller vom selben Ort ab.

Das tat ich am Anfang mit Vergnügen. Ich war stolz auf meine Arbeit, war stolz, Diener in so einem großen Schloss zu sein, und in den frühen Jahren meines Dienstes zweifelte ich nie daran, dass mein Herr eine großartige Macht war. Wie sonst hätte er so ein Vermögen anhäufen können? Sein Reichtum war sein Schloss, das labyrinthische, uralte Schloss in dem ich geboren war, in dem ich jetzt lebte, und – soweit ich wusste – in dem ich einmal auch sterben würde. Das hatte mir damals keiner erklären müssen, denn in den frühen Jahren war ich zufrieden und glaubte ohne Frage an das Gute. 

Außerdem gab es niemanden, der mir irgendetwas hätte sagen können. Wir waren ganz allein, mein Herr und ich, allein in dem alten Schloss. Es kam nicht mal ein Gast zum Besuch. Auch im Keller, wo man zumindest ein paar Ratten erwarten würde, waren die Schatten leer und leblos. Ich war das einzige Wesen in dem ganzen Schloss, mit dem ich überhaupt hatte reden können, und im Laufe dieser zum Wahnsinn treibenden Selbstgespräche wurde meine Arbeit langsam zum Ausweg – ja, sie wurde zur einzigen möglichen Lösung meiner furchtbar tiefen Einsamkeit. Eines Tages verschwand meine Stimme, und ich machte mir keine Sorgen mehr darüber.

Dass ich älter wurde, merkte ich nur selten. Man erkennt den Zeitverlauf meist nur in Gegenständen, in Uhren und Kalendern, und weil die zahlreichen Uhren im Schloss seit eh und je stehen geblieben waren, und weil ich allein für das Umblättern der vergilbten Seiten des einzigen Kalenders verantwortlich war, entschlüpfte mir immer das Zeitbewusstsein. Für mich war die Zeit ein Gespenst, das im Staub auf dem Teppich und Schmerz in den Knochen lebte. Ich sah die Zeit nicht, aber trotzdem, tat sie mir weh. 

Meine Aufgaben wurden allmählich schwerer und ich wurde ständig schwächer. Beim Servieren des kalten Essens hatte ich mich tief hinunterbeugen müssen, um die zerbrechlichen Teller und Schalen mit äußerster Vorsicht auf den Boden zu legen. Plötzlich konnte ich das nicht mehr. Zu jeder Mahlzeit zerbrach ich das Geschirr und ließ das Essen in den schmutzigen Teppich eindringen. Später räumte ich die abgeschleckten Porzellanscherben ab. Es war meinem Herrn egal – er hatte immer großen Hunger und auch keinen anderen Diener. Aber mir war es peinlich, alt zu werden.

Schließlich kam der Tag, an dem ich erblindete. Ich hatte schon gelernt, wie man sich mit geschlossenen Augen in dem Schloss zurechtfindet. Das Schloss war meine ganze Welt – ein Draußen gab es nicht – und seinen Grundriss kannte ich wie die abgenutzte Tasche meiner Weste. Ohne Augenlicht konnte ich aber keine erfolgreiche Arbeit mehr erledigen, denn beim Kochen, Putzen, und so weiter sind die Augen eigentlich ganz wichtig. Das Essen wurde immer zu warm serviert, das Silber verlor schnell seinen Glanz, und ich verlernte endgültig, Diener zu sein. Ich suchte eine kalte, noch saubere Ecke des Schlosses auf und wartete auf den Tod.

Der kam nur langsam. Ich saß in meiner dunklen Ecke bis ich endlich sterben durfte. Ich erinnere mich gar nicht an dem Tod, außer, dass es mir plötzlich und flüchtig warm war. Als ich die Augen wieder öffnete, war es mir wieder kalt. Das war ja nicht normal, nach dem Tod die Augen wieder öffnen zu können, aber ich war daran nicht gewöhnt, Fragen zu stellen. Das war nie meine Aufgabe gewesen. Jetzt konnte ich sehen, konnte sprechen, war wieder jung. Nur mein Gehirn fühlte sich etwas träge, wie aus einem verwirrenden Traum erweckt. Die Erinnerung meines früheren Lebens war nun ein schweres Durcheinander. 

Ich blickte um mich herum und merkte, dass ich in einem riesigen Saal lag. Hier muss auch ein Schloss sein, dachte ich, aber viel größer und viel kälter als zuvor. Wem hätte so ein riesiger Palast gehören können? Was sollte ich hier? Ich war kaum vom Boden aufgestanden, da kam von oben ein Befehl.

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