Text 21 – 2020

[ Liebes zukünftiges Ich, ]

wie geht es dir? Ich hoffe, es geht dir gut. Ich schreibe und frage: Wie sieht dein Leben jetzt genau aus?

Erinnerst du dich, wie wir immer über diese perfekte Zukunft gesprochen haben? Wir streben immer nach dem, was wir nicht haben können, dem Unmöglichen. Ich denke, es liegt in unserer Natur; ich denke, man könnte es Biologie nennen... Aber meine Frage ist, ob diese Träume jemals Wirklichkeit geworden sind. Ich habe immer gedacht, dass eine Utopie nicht existiert oder zumindest nicht so, wie wir sie uns in unseren Köpfen ausmalen. Warum haben wir die Idee im Kopf, dass die Zukunft perfekt sein muss? Was bedeutet perfekt? Ist es eine einwandfreie Infrastruktur, fliegende Autos und Wolkenkratzer mit Spiegelfassade; eine Welt ohne Krieg und Konflikt; ein Ort, wo Nachfrage und Angebot sich ausgleichen und es keinen Mangel gibt; ein Planet, auf dem Krankheiten und Hunger fiktiv sind, und Schmerz und Liebeskummer niemals zu spüren? Oder ist das nur in Filmen so? Die Filme, die wir produziert haben und weiterhin produzieren, damit wir uns besser fühlen – um unserer Fantasie die Freiheit zu geben, die wildesten Träume zu träumen und diese ideale Welt zu schaffen, in der einfach alles perfekt ist und jeder gut miteinander auskommt...

Aber wie viele Menschen haben diese Ideen eigentlich in Frage gestellt? Ist das wirklich so, wie ein Mensch sein Leben leben möchte? Sind Konkurrenz, Herrschaft, Liebe und Hass nicht ein Teil der menschlichen DNA? Ich glaube, ja. Tatsächlich glaube ich, dass die Welt, wie wir sie heute kennen, dieser gewünschten Utopie bereits am allernächsten kommt. 

Die echte Idee, eine utopische Welt zu schaffen, zeigt, wie sehr es in unserer menschlichen Natur liegt, sich ständig zu verbessern und nach Vollkommenheit zu streben – ob in unserer Karriere oder in unseren Beziehungen zu anderen und zu uns selbst. Es stellt sich also die Frage, was passiert, wenn wir dies erreichen. Wir werden immer mehr und mehr wollen und ich fürchte, wir werden niemals mit uns selbst zufrieden sein.

Aber wie anstrengend ist ein Leben, in dem wir immer darüber nachdenken, wie die Zukunft aussehen würde – so können wir niemals in der Gegenwart leben. Meine Oma sagte immer: „Unsere Zeit auf dem Planeten ist wie ein brennendes Streichholz – du zündest es an und innerhalb von Sekunden geht die Flamme aus" ... einfach so, bevor du es weißt, ist dein ganzes Leben an dir vorbei gegangen. Ich denke, die Lektion hier ist, immer nur einen Tag nach dem anderen anzugehen. Das heißt natürlich nicht, dass wir nachlässig und rücksichtslos sein sollten, denn unser Handeln hat offensichtlich große Auswirkungen auf den Planeten und zukünftige Generationen. Aber das ist ein Kapitel für sich…

Ich weiß, ich sollte die Zukunft neu schreiben, aber stattdessen möchte ich die einzige Idee, die wir über die Zukunft haben, neu schreiben. In Wirklichkeit könnte Utopia niemals funktionieren, hauptsächlich weil wir alle Individuen sind und wir alle, obwohl wir von demselben biologischen Mechanismus angetrieben werden, unterschiedliche Wünsche, Bedürfnisse und damit eine individuelle und einzigartige Vorstellung davon haben, wie Utopia aussehen sollte. Die Hungernden wollen nur Essen auf dem Tisch haben und die Reichen wollen Liebe, Respekt und Kontrolle mit Geld und Macht kaufen. Wie entscheiden wir also, wessen utopische Sichtweise wir als Vorlage betrachten?

Die perfekte Zukunft sollte von jemandem kontrolliert werden - aber wir mögen es nicht, kontrolliert zu werden. Wir mögen es, die Kontrolle zu haben. Wie entscheiden wir also, wer uns kontrollieren wird? Wird das nicht einfach mehr Konflikte und Auseinandersetzungen auslösen? Ich denke, wir haben unsere Lektion gelernt, als der Kommunismus nicht ganz funktioniert hat.

Wir setzen alles daran, andere und unsere Zukunft so zu lenken, dass die Probleme der Gegenwart ungelöst bleiben. Anstatt ein Produkt oder ein Erlebnis im Hier und Jetzt zu genießen, konzentrieren wir uns auf eine vermeindliche Zufriedenheit in der Zukunft. Die vielleicht größte Wahrheit ist, dass ein vorausschauendes Denken und Planen unserer Zukunft ein evolutionärer Bewältigungsmechanismus der Enttäuschungen der Vergangenheit ist. Und dieses Streben nach Perfektion hilft uns, über den Tellerrand zu schauen und so eine neuere, verbesserte Gesellschaft zu schaffen. Mit diesen Gedanken im Hinterkopf kann ich nicht anders als schließen, dass Utopia eine ewige Reise anstelle eines Ziels ist. Oder bist du, liebes zukünftiges Ich, doch in Utopia angekommen?

 

Liebes zukünftiges Ich,

wie geht es dir? Ich hoffe, es geht dir gut... Ich schreibe und frage: Bist du mit deiner eigenen Utopie zufrieden?

1 thought on “Text 21 – 2020”

  1. Maria-Magdalena says:

    Wunderschön

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