Text 19 – 2021

[Terrassen]

Es gibt ein Fahrrad, das auf der Seite liegt, oben in einem verfallenen Garten. Darunter ein Farbverlauf von Blättern, die von braun zu grün werden, über dem Garten steht eine Terrasse, die sich von einem weiß getünchten Haus erstreckt. Das Fahrrad sieht, Matheus‘ Meinung nach, erbärmlich aus. Es hat eine JUMBO-Supermarkttragetasche über den Sattel, die mit einem Schnürsenkel gebunden sein musste, weil er während der Fahrt immer wieder herunterfiel.  Es hat einen schwarzen, klobigen Rahmen, auf dem in weißer Microsoft WordPapyrusSchrift das Wort "Shoppen" steht. Seine beiden Räder wurden abmontiert, um sie für die Reparatur anderer, besserer Fahrräder zu verwenden. In diesem Moment als er auf das Rad hinunterblickte, sah Matheus, wie die letzten Jahre seines Lebens an ihn zurück starrten.

Er kann sich nicht mehr genau daran erinnern, wie er das Fahrrad bekommen hat, entweder hat er es für sehr wenig Geld von einer Freundin bekommen oder für sehr viel Geld von einem Fremden gekauft. Die Vorstellung, dass er 80 Euro dafür ausgegeben haben könnte, erfüllt ihn mit einem unsagbarem Gefühl von Befangenheit und Zerknirschung. Es war die Furcht vor verschwendetem Geld, die die schrecklichsten Wellen der Angst durch seinen Körper schickte und ihn fast zum Kotzen brachte. Als er auf das Fahrrad hinunterschaute, erinnerte er sich an das eine Mal, als er mit Yves vor der Lourve in Paris stand und siejeweils 5 Euro für Schnurarmbänder ausgegeben haben, nur weil der Käufer ein Paar Wörter auf Deutsch gesagt hat und sie beide es lustig fanden ‚Es ist mir Wurst!‘ in einem Hercule Poirot Akzent zu hören. Das Gefühl, nachdem der belgische Detektiv gegangen war, als sie realisierte, dass sie beide gerade eine ganze Mindestlohnstunde für etwas ausgegeben hatten, das im Wesentlichen aus zwei Stücken Schnur bestand, löste eine lähmende Panik aus, die ihn zwang, sich auf den beigen Steinen der Museumplatz zu setzen, während Yves ihm helfen musste zu ‚Atmen‘. Wäre er nicht so überwältigt von seiner anderen Reaktion auf dieses Fahrrad, hätte er bereits seine WhatsApp Nachrichten von vor drei Jahren durchgeforstet, um eine Antwort auf die Frage zu bekommen, wie viel es gekostet hat.

Aber das Unbehagen über das Geld wurde von einem etwas größeren Streitpunkt in den Schatten gestellt. Nämlich, dass das Fahrrad, das voller Hoffnung erworben wurde, nun zerlegt und nackt daliegt. Er hat es vor drei Jahren da liegen lassen, knarrend aber fahrbar. Er war in einer langfristigen Beziehung, sah trotz seines immer noch jungen Alters deutlich jünger aus, war weniger zynisch, störte sich nicht an seinem Körper und war wenig kritisch auf seine Beziehungen zu Freunden und Familie. In der letzten Zeit hatten Musik, Kunst und sogar Alkohol ihre aufregenden, prickelnden Qualitäten verloren und wurden nur noch durch seine wachsenden Vorstellungen von Selbstgefälligkeit ersetzt. Eine naive Wertschätzung für das Neue war total unmöglich, er war nur 25, aber er hat alles schon mal gesehen.

Er hörte das Knallen der Terrassentür hinter sich und drehte sich um.

'Hi'

'Hi'

Es war Yves, der Wind wehte laut für ein paar unangenehme Sekunden. Von einem anderen Garten ertönte gebetsmühlenartige Technomusik in einer Schleife. Zuerst war er noch nicht nahe genug, dass Michael ihn riechen konnte, aber als er nähe kam, roch er seinen vertrauten Geruch, der komischerweise mit einem Hauch von Knoblauch kombiniert war. Er wollte ihn umarmen, hat sich aber ferngehalten.

‚Ich wünschte ich könnte dich riechen, ich habe deinen Geruch vermisst.' sagteYves.

Matheus war angeekelt.

‚Du riechst nach Knoblauch'

Er lachte, und Matias war gleichzeitig interessiert und bestürzt zu sehen, dass seine Fähigkeit den anderen Jungen zum Lachen zu bringen, immer noch etwas in ihm entzündete.

‚Ich bin gerade am Kochen. Was machst du hier?‘ fragte ihn Yves.

Ich wollte nur meine Bücher abholen ‘ antwortete er, ‚ich wusste nicht, dass du noch hier bist.

Matheus kam in Yves' WG, nachdem er sich wochenlang darüber Sorgen gemacht hatte. Als er durch das Haus ging und seine Sachen einsammelte die

überall verstreut waren sah Yves‘ nette Mitbewohnerin ihn mitleidig an.

Ihre übergroße Freundlichkeit hat ihn überfordert, er trat hinaus auf die Terrasse, um an die frische Luft zu kommen, um seine Gedanken zu sammeln, die sich mittlerweile genauso verstreut anfühlten wie seine Lehrbücher und Schallplatten.

Nun stand er da mit dem Mann, der anscheinend gegangen war.

‚Ja leider nicht, die Austauschsemster wurden alle abgesagt‘  

Dies verwirrte Matheus, brachte die wirren Vorstellungen von Yves' Leben durcheinander wie tektonische Platten bei einem Erdbeben. Jede Begegnung mit ihm war zu einem geografischen Ereignis geworden. Nach der Trennung sind die Nachrichten von Yves in überwältigenden Strömen gekommen, waren hastig geschrieben und sprachen von Praktika, langen Urlauben in Südamerika, Selbstfindung und klammheimlich eine Wiedervereinigung. Auf solche tektonischen Bewegungen folgte kein Gemeinschaftssinn oderZusammenkommen wie in einer Kleist-Novelle, dachte er. Stattdessen bedeuteten sie die Auflösung von allem. In erdbebengefährdeten Zonen baut man keine Häuser.

‚Schade.‘ antwortete er lahm.

Und dann wieder die unangenehme Stille, was gab es noch zu sagen?

Yves ging auf die Stelle zu, an der Matheus am Rande der Terrasse stand. Für einen Moment schien es, als würde er mit dem Ziel gehen, ein paar Zentimeter vor ihm zu stehen. Matheus Atem hing eine Sekunde lang in der Luft wie ein schwebender Ballon, bis Yves ihn platzen ließ und sich in Richtung Garten drehte.

‚Ah guck mal, du hast was vergessen, dein Fahrrad liegt da‘

Matheus lachte, auch wenn es das Gegenteil von lustig war.

Du hättest mir sagen sollen, dass du die Räder abnimmst. Jetzt kann ich es nicht mal verkaufen’

‚Sorry‘ sagte Yves leiser, die gute Laune aus seinem Gesicht gewaschen.

‚Ich dachte du würdest ja eh nicht zurückkommen‘

Matheus nickte

Er wollte Yves vieles erzählen, dass seine Katze einen Teilzeitaufenthalt bei dem alten Ehepaar in seiner Straße genommen hatte, dass er endlich den Almodóvar-Film gesehen hat, von dem er immer gesprochen hat, und dass er ihn tatsächlich gefallen hat. Es gab auch Sachen die er ihn sagen wollte, die er aber mit Wörter nie fassen könnte. Die Technomusic aus der Nachbarterrasse endete endlich, er fühle sich, als ob er machtlos in einer Höhle der Sprachlosigkeit läge, als wäre er ohne ein Wort Spanisch in Chile angekommen.

Das Fahrrad lag noch da, Yves drehte sich zu dem Haus um und sagte

Ja... also ich muss nach den Nudeln schauen. Willst du mitessen?‘

Matheus schüttelte den Kopf und lächelte.

‚Nein danke, ich habe heute Abend schon etwas vor.

Er warf einen letzten Blick auf das Fahrrad und sah, wie es, wie von Zauberhand, ohne Räder, ohne Fahrer, höher und höher in den Luftraum und über die Bäume zu steigen begann. Die Wolken teilten sich, Andeutungen von Sonnenlicht schauten durch, er folgte Yves zur Tür.

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