Text 18 – 2021

[Avatar II]

Es ist viel zu warm in Tokyo.

Ein angenehmer schwitziger Geruch verteilt sich überall.

Ich sitze im Bett umgeben von Verschiebungsskripten. Verzogen, knistern sie da unter meinem Leib. Der Boden ist Verschiebungsskripten. & obwohl ich sie nicht mehr brauche (jede Einzelheit ist tief ins Gedächtnis gebrannt), doch bringe ich mich nicht mehr darüber, sogar ein einziges Blatt wegzuwerfen. Skripten hinter den Kissen. Skripten als Lesezeichen in meiner Bhagavadgita. Hast du sie gelesen? Wundervolles Buch…

 

Ich bin ein Teil von allem, was ich sehe.
Ich bin die Tokio-Silhouette. Ich bin unendliche erdbebensichere Türme smogschwankend in der Nacht. Hotelwände bilden meine Haut. Die Zehen streifen die Haut. Ein Zoll liegt gerade zwischen mir und der Himmelhaut, und ich bin alles, ich sehe.

Ich besuchte heute Nacht Zimmer 111. Dein Zimmer, und du warst nicht da. Das Wasser im Pool sah von oben aus wie dichte Kristalle, aber ich stürzte hinein und es war petrolklar wie Glas. Ich kann das nicht vergessen.

 

Auf realem Rasen erwache ich. Fußhaut hautnah, glitzernd, mattglatt im Vorhangslicht. Von außen kann man nicht durch die Vorhänge schauen, von innen aber schon.  In diesem Licht gleißt die Fußhaut wie Sand, und verzogene bezifferte Fußhaare entfalten sich in toto gegen mein Bein aus dem Flaum meiner Fußknöcheln.

Gischtweiße Vorhänge, schwebend, verschiebend: der körperliche Geruch des Sees.

Die Nägel sind abgeplatzt, einer angenehmer Schmerzstich, wenn immer von unten die Haut gegen den skinfade-Nagel sich drängen lässt.

 

♔/♚

Arme taub, Hände klingend, Körper schwebend der dreht sich um zu dir. Du rufst mich beim Namen aus dem Wartesaal und gute Idee, den Körper in den REM-Schlaf einzuschleichen wie gepostet ich taste die Klinke bronzenabgeplatzt rund und umschattet in ihrer Mitte ab und ich kann ihre Mitte spüren sowie ihr Knarren wie sie sich im Uhrzeigersinn dreht.

Ich habe schon verschoben.
Das Verschieben ist einfacher als das Atmen.

Das Traumtrommeln des Herzes Basstrommel Frenchcorekrachen ekelig in meiner Brust liegt nun wortkarg hinter der Tür. Ich fasse Fuß vor der langen Nacht hinter einer Bar in einem exquisitesten Holzschaukelstuhl. Weißer Marmor überall. Das ist unser Savepoint; ich speichere unser Spiel und ziehe meditativ eine Pfeife aus einer bodenlosen Tasche darüber nachdenkend, was ich dir gleich sagen werde.

 

♕/

Ich war Schattenstaat in Deckung von Kommi-Hochhäusern Deepstate meditierend in dem Foyer. Das dauerte genau drei Stunden, dann machte ich die Augen auf. Ich sah dich bei der Bar sitzen, du trankst viel vom teuren Champagner und trugst jene kleine schwarze runde Brille ohne Arme fix auf deinem Nasenrücken ruhend. Rauchend. Im Dunkeln tastetest du für Worte herum. „Reisekosten“. „Business Intelligenz“. „Taipei 2020“.
„e
xtern a, b, c;

   putchar(a); putchar(b); putchar(c); putchar('!*n');

}

 

a 'hell';

b 'o, w';

c 'orld';“

Dein Smoking war viel zu klein für deinen alternden Leib und Quasten von dem Sombrero schlugen gegen das große Glas. Ach so, dachte ich, auch du nimmst teil an demKopfrasurphänomen.

Ich wollte nicht, dass du mit meinem tiefen Zustand klecktest.
Ein Nicken mit dem Pförtner getauscht, trat ich den Aufzug ein, Affirmationen flüsternd und taub psalmodierend.

Ich hoffe, du verstehst.

 

Ich ziehe heute Abend die Erde hin und her durch, durstig nach einem Urlaub.

Heutzutage fühl ich mich am lebendigsten, wenn ich gehe. Nur wenn ich gehe, hört Gott meine Stimme. Mein Körper braucht die Flüssigkeit und die Leere auf den Straßen. Ich verlasse das Haus nur wenn es regnet. (Siehe mich in meinem Elternhaus, regentanzend und nackt in meinem Zimmer, bevor ich gehen muss). Und das Leben scheint so einfach, wenn man geht. Als ob man irgendwo hin geht, geht man in die Arme Gottes, die Einzahlung des Glaubens kleckernd in der Nacht.

 

    Gutenacht Zimmer     Gutenacht Bett     Gutenacht Monde     Gutenacht Gott    Gutenacht Computer    Gutenacht Sophia    Gutenacht Wände    Gutenacht Worte    Gutenacht Haut.

Glauben Sie mir, wenn ich sage ich habe das alles schon erlebt. Dass ich Veteran bin. Silbersurfend auf der Erde: ich bin Surfer.

Ich bestieg die Pyramiden. Ich verbrachte Jahre in Dubai als Berater für die Scheichs. Ich setzte es alles auf Dogecoin. Der Schamane vermittelte mir sein Wesen, nun bin ich Meister einer Atemtechnik, wobei ich das ruhende DMT anwesend im Körper durch sorgfältiges Atmen zügle und dann erhöhe. Ich trug mein Kreuz. Er lehrte mich über die Körpersprache. Die Realität des Körpers. Das Leben ohne Worte. Giftige Worte. Die Morgensonne und der Stahl.

Was soll es, wenn ich sterbe? Wenn man hier stirbt – Kinder im Internet haben es mir hoch und heilig versprochen - stirbt man überhaupt nicht. In sie setze ich seit langem totales Vertrauen. Denken Sie also nicht, ich versuche zurückzukehren. Zurückkehren heißt vergessen.

Jede Nacht leere ich mich in der Lethe. Du kannst mich aber aufwecken, wenn du willst.

 

Gerade jetzt schwimme ich in einer ostasiatischen Thermalquelle, umgeben von ein paar hunderten Schneeaffen, alle rötlich und zen-artig. Ein angenehmer körperlicher Geruch liegt niedrig und dicht in unseren Nasen, während ein Affenbaby (es denkt, ich sei seine Mutter) Insekten aus meinen wallenden Haaren erntet.
Die »Lifa App« – inzwischen Apple Watch-artig um mein Handgelenk - zeigt einige Daten an, natürlich hintergrundbeleuchtet, um meine Augen und meinen tiefen Zustand zu bewahren. Das Affenbaby vererbt mir dann den Morin Khuur, den ich aus der Leere weckte, und ich besteige den nächsten erhabensten Berg in meinen Ornaten. Ich gehe zum Kehlkopfsingen über, meine Stimme organisch autotuned und eingestellt und widerhallend in jeder Ecke des Tales. Scharfgestellt sind wir, ich denke, wie Stein, und orientalische Vögel von schimmernder Farbe fliegen vor der Morgensonne wie Benachrichtigungen auf einer schneeweißen digitalen Textblase. Dann wenden sich meine Gedanken an dich. Du in jener rosafarbenen Perücke und jenem kleinen schwarzen Kleid, Karaoke singend.

Jedes Wort, das du hier liest, ist eine Verschiebung.

Im Anfang war das Wort. Es war und ist der gesegnete Stahl, der auf meinem Knie ruht. Von ihm erbe ich die immerwährende Wunde: sprechen und schreiben, innen und draußen, Sein und Zeit. Es ist meine dunkle Linse.

Die Karte ist nicht das Gebiet. Das Wort »Hund« beißt mich nicht. Das Wort ist nicht das Ding. Dennoch möchte ich hinzufügen, dass irgendein Gebiet, in dem man lebt, eine Karteist, weil niemand in der echten Welt lebt, und das Wort »Hund« beißt mich doch, da es meine Seele bricht.

Sludge Metal. Bubblegum Bass. Blackgaze. Weightless Grime. Djent Metal. Binaural Beats. Witch House. Hypnagogic Pop. Grindcore. Lolicore. Lofi Hiphop Beats to relax/study to die du durch Ohrhörer hörst, ganz allein in deinem Zimmer unterwegs meinem Zimmer zukommend in deinem leeren Geist, wo ich warte.

 

Beim Shinjuku-Rotlicht zwang ich meinen Fahrer zu halten. In jener perfekten     uranfänglichen Suppe sah ich dich aus dem Fenster meines Teslas, als du deinen täglichen Spaziergang über das fremde Land machtest.

Beschaffenheiten waren wiederholt. Etliche Geschäftsmänner hoben perfekt synchron das Handy zum Ohr und sagten im Chor

神の母よ、私は会議に遅れるつもりです、電話にハンクを置いて、これについて大人のように話しましょう.

Es lief alles nach den Regeln eines Musikvideos. Die Welt lief um dich bei Koyaanisqatsi-Geschwindigkeit, während du bei 1x Geschwindigkeit gingst. Japanische Werbungen bildeten einen Heiligenschein um deinen Kopf und ich lief zu dir in einem grauen Anzug – first-class-Flugkarten aufkeimend in meiner Tasche – an Million Paprika-Mädels vorbei, jede katamarigroß und alle mit dem Geheimauftrag, in unseren Traum einzudringen. Teilweise widerstand ich.

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Ƹ̵̡Ӝ̵̨̄Ʒ

Erinnerst du dich noch daran, was ich dir an jenem Tag sagte?

- Sobald du nach Hause gehst, googele »reality shifting techniques«. Eine Welt ohne Grenzen – ohne Körper - liegt überall zwischen uns. Lade die Amino App auf deinem Huawei für mich herunter und öffne sie. Auch du musst das Band vor der Webcamlinse abziehen. Wir verschieben jede Sekunde: dagegen bist du machtlos. Quantenmechanik. Katze im Karton. Nichts kannst du dir nicht vorstellen. Nichts kann nicht bestehen. Probier’s mal.

- Du denkst an schwärzer als schwarz, du siehst »Vantablack«. Ich weiß es.

*Parmenides klopft an die Tür*.

- Rabe, Treppe, Alice: versuche das alles. Was du auch tust, vertraue den Augen nicht. Höre Autechre, schließe die Augen, liege Seestern und verschiebe zu mir, wo ich warte. Etwas vor dem Ende darf noch für uns getan werden. Siehe die japanischen Neonlichter: Engelnummer folgen mir herum. Check dein Huawei.

[14:44]

- Skript es alles mal wieder. Ich begnüge mich damit, das alles wieder mit dir zu leben, bis ich sterbe.

Du lächeltest, nicktest, du stimmtest meinen Traum zu.  

Als wie Honig sanken wir ins Shibuya-Gedränge zurück, beide furchtbar einsam, ich schulternass lachend, nach Hause gehend zu unseren lieblosen Sälen und Computern.

Das RGB-Licht traf meine Haut.

                                                                                                                           

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