Text 17 – 2020

[ Die Höhle ]

Ein dualistisches Drama in zwei Akten:

Die Höhle
Ein (post-)utopisches Zeitalter?
Utopia? Aber wo liegt es? Ich weiß das Land nicht zu finden.

 

Erster Akt (#alle-wollen-irgendwohin)

In einer großen Höhle
Eine Demonstration findet statt. Lautes Protestgeschrei
Viele tragen Atemschutzmasken.

„There is no Planet B! Elon Musk, why can’t you see? “
„Wieso, weshalb, warum? Wer noch gräbt, ist dumm!“
„Stopp die Lobbyisten, Umwelt geht vor!“
„Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut!“ 

Rede der Protest-Anführerin

Ich kann euch nicht hören – könnt ihr ein bisschen lauter sein?! „Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut!“ – Es freut mich wirklich, dass ihr so zahlreich erschienen seid, denn nur zusammen haben wir eine Chance gehört zu werden!

Zu viele mächtige Politiker und Konzerne haben ein Eigeninteresse an der Beibehaltung des Status Quo. Die Konzerne der Fossilindustrie haben sogar eine jahrzehntelange Kampagne der Desinformation und Vernebelung hinsichtlich der Umweltkrise geführt. Und ihnen stehen auch unbegrenzt Mittel zur Verfügung, um unsere Politiker anhand intensiver Lobbyarbeit zu überzeugen, weiter in die fossile Brennstoffwirtschaft zu investieren.   

Wir müssen unsere Stimmen dagegen erheben, denn unsere Höhlenrepublik befindet sich in ernsthafter Gefahr! Bergbauunternehmen baggern Tag und Nacht Kohle und kostbare Mineralien aus unserer Erde. Die Höhlenwände sind dadurch schwer destabilisiert worden und können jederzeit auf uns einstürzen! 

Außerdem wird die Braunkohle, die ausgebaggert wird, in riesigen Kraftwerken verbrannt. Diese Kraftwerke schleudern unzählige Mengen von giftigen Abgasen in unsere Luft, die sich dann in unserer Höhle aufstauen. Die Abgase haben keinen Ausweg. Die Luft, die wir einatmen, wird immer toxischer!  

Es lässt sich nicht anders deuten: Wir stehen vor einem ökologischen Zusammenbruch. Die Bergbauunternehmen und die Kraftwerke setzen unser Leben aufs Spiel! Wir müssen sie jetzt aufhalten!  

Aber um die Bergbauunternehmen und Kraftwerke aufzuhalten, müssen wir auch dazu bereit sein unseren eigenen Lebensstil zu verändern. Wir können den Zusammenbruch nur aufhalten, wenn wir zu grundlegenden wirtschafts- und sozialpolitischen Veränderungen bereit sind. 

Und wir müssen jetzt handeln, denn ich bin nicht bereit, unsere Zivilisation untergehen zu lassen. Denkt daran, was wir alles aufgebaut und geschaffen haben – die Technologie; die Philosophie; die bahnbrechenden Erkenntnisse der Naturwissenschaft; den Wohlstandsstaat und die Beseitigung natürlicher Knappheit; das Rechtssystem und die Meinungsfreiheit; die Literatur, Tanz, Theater, Musik und Höhlenmalerei! Wir können nicht einfach zulassen, dass all dies zerstört wird. Wir müssen einen Weg finden, unsere Zivilisation zu bewahren.  

Und es muss andere Wege geben! Es kann nicht sein, dass wir auf einer Einbahnstraße festsitzen, die nur Richtung weiterer Deregulierung und ökologischen Raubbaus führt. Wir müssen das Dogma ‚Es gibt keine Alternative!‘ durchbrechen und wieder eine größere Debatte eröffnen. Wir müssen Zeit und Geld darin investieren, umweltverträglichere Alternativen zu erforschen. Es ist die dringendste Aufgabe unserer Zeit! – Sicher wird dies keine leichte Aufgabe sein, aber wenn wir zusammenhalten, dann sind wir nicht aufzuhalten! Wer ist mit mir?! 

Laute Zustimmung. Rufen: „We are unstoppable, another world is possible!” 

 

Zweiter Akt (#niemand-will-nirgendwohin) 

Erste Szene

Auf einem Schild steht: ‚Willkommen in Schlaraffenland’
Ein Obdachloser sitzt am Straßenrand. Zwei Mädchen kommen mit großen NIKE-Einkaufsbeuteln. Ihre Haut ist hellorange, fast neon-orange, und das eine Mädchen hat Raupen anstatt Augenbrauen. 

A: Wo hast du dir deine Augenbrauen machen lassen?! – Sie sehen echt gut aus! 

B: Danke! Ich habe sie im Kosmetiksalon machen lassen.

A: Sind das wirklich echte Raupen?! 

B: Natürlich – ist ja neueste Mode! Ich muss allerdings zugeben...es ist ein bisschen unbequem, wenn sie sich bewegen, aber...

A: Wer schӧn sein will, muss leiden!...  Oh! Pass auf! Ein Schlar-Affe versucht dein Handy zu klauen! 

B: (scheucht den Affen weg) Ah! – Diese Schlar-Affen sind echte Nervensägen! Gut, dass du mich gewarnt hast! 

A: Ja, sonst hättest du kein Handy mehr…

B:  Oh mein Gott! – mir ist gerade aufgefallen...

A: Was denn?

B: Wir haben heute vergessen, ein Selfie zu machen! 

A: Kann nicht sein, oder?! Komm lass uns jetzt eins für unsere Instagrotte-Fans machen! 

Machen ein Selfie, kichern laut und gehen ab.  

 

Zweite Szene 

Dialog zwischen zwei Höhlenbürgern

Ein Mann steht mit einer Schaufel. Er sieht erschöpft aus und neben ihm liegt ein großer Haufen Erde. Er trägt ein Schild um den Hals mit seinem Namen (NIEMANN). Eine Frau kommt vorbei.

LOGODAIA: Junger Mann – Hören Sie sofort auf zu schaufeln! Wissen Sie etwa nicht, dass die Höhlenwände instabil sind?! 

NIEMANN: Ich muss weiterschaufeln! Es geht nicht anders.  

LOGODAIA: Wie meinen Sie das? Und wer sind Sie eigentlich, wenn ich Sie das so fragen darf? Sie sehen jedenfalls nicht wie ein Bergbauarbeiter aus – so wie Sie hier ganz alleine stehen...ohne Uniform.   

NIEMANN: Ich bin kein Bergbauarbeiter. Ich will einfach weg von hier!

LOGODAIA: Weg von hier?... 

NIEMANN: Ja, ich will weg von dieser Höhle, von diesem Leben. Ich kann es hier nicht mehr aushalten. Diese toxische Luft erstickt mich! Ich will weg von dieser oberflächlichen, egoistischen Gesellschaft, besessen von Image und Selbstinszenierung. Weg von dieser spekulativen Achterbahnwirtschaft, von der herrschenden Ellenbogenmentalität und von dem Geier-Kapitalismus, der unsere Gemeinschaft ausgehöhlt hat. Ich will weg, einfach weg von dieser endlosen Sinnlosigkeit… Diese Höhle hat sich zur wahren Hölle entwickelt! Es lässt sich hier nicht mehr leben! 

LOGODAIA: Na ja...wenigstens kommt diese Hölle mit eingebauten Klimaanlagen und WLAN. Man muss ja nicht gleich den Teufel an die Wand malen...

Aber stimmt, Sie haben auch Recht. Sicher ist es hier kein Paradies und Sie sind bestimmt nicht der Einzige auf der Suche nach Alternativen. Aber wo wollen Sie denn hin? Es gibt hier keinen Ausweg!  

NIEMANN: Dahin! (deutet dramatisch mit seiner Hand nach oben).

LOGODAIA: (sieht schockiert aus und mustert den Mann nochmal vorsichtig) 

Das meinen Sie doch nicht, oder? Junger Mann, Sie wollen doch nicht etwa sterben!?

NIEMANN: Nein, nein! Sie verstehen mich falsch. Ich will nicht sterben – ich will in das verheißene Land. Kennst Du nicht das Land, wo die Gesellschaft blüht? Dahin, dahin will ich! 

LOGODAIA: Wohin genau?!

NIEMANN: Ich will nach draußen!  Da draußen liegt eine andere Welt – ‚Utopia‘ heißt sie! Stellen Sie sich vor: Da draußen liegt eine More-alische, humanistische und gerechte Weltordnung! Da draußen liegt die Welt des Wahren, des Schönen und des Guten!... Haben Sie nicht etwa Ihren Platon gelesen?  

LOGODAIA: Quatsch mit Soße! Es existiert kein ‚Utopia‘. Viele haben schon versucht, nach draußen zu kommen. Aber alle mussten letztendlich aufgeben und akzeptieren, dass es keine Welt außerhalb dieser gibt. Wir können nicht einfach weglaufen! Wir müssen uns unseren Problemen hier und jetzt stellen. Wir müssen uns darauf konzentrieren, unsere real existierende Höhlenrepublik zu retten, anstatt einfach neue Scheinwelten und hirnrissige Visionen auszuhecken. 

NIEMANN: Ich würde sagen… Sie sind hier derjenige, der sich Illusionen macht. Sie erkennen es bloß nicht. Sie hätten wirklich Ihren Platon lesen sollen… Na gut, ich kann Sie ja nicht zur Freiheit zwingen. Wenn Sie nicht mitkommen wollen, dann bleibt Ihnen keine andere Wahl, als hier in diesem Massengrab langsam zu verrotten… Ich aber werde nach ‚Utopia‘ gelangen! Ich werde das Jenseits erreichen! Oh‘ diese perfekte Welt ruft mich zu ihr heraus, wie der süße Gesang der Loreley!  

LOGODAIA: Ja…wenigstens werde ich nicht mein eigenes Grab schaufeln! Höchstens wird ihre Seele nach draußen gelangen! – wenn Sie eine haben...

NIEMANN: (seufzt und schüttelt den Kopf) Sie verstehen es wirklich nicht...na ja, nicht jeden kann man retten.  Wenn Sie mich jetzt bitte entschuldigen – ich muss hier weitermachen. 

LOGODAIA: Aber...wie können Sie denn so sicher sein, dass diese andere Welt überhaupt existiert?

NIEMANN: Verstehen Sie...ich bin mir der Existenz dieser anderen Welt genauso sicher, wie ich mir meiner eigenen Existenz sicher bin. Cogito ergo sum - Erkenntnis beruht vielmehr auf der reinen Vernunft als auf den Sinnen... 

(kurze Pause)

Aber entschuldigen Sie bitte, ich muss jetzt wirklich weitermachen. Ich stehe vor einer sehr großen Aufgabe, wie Sie wohl sehen können, und ich habe nicht so viel Zeit. 

LOGODAIA: Moment…darf ich Sie noch fragen, wie Sie heißen?  

NIEMANN: Ich bin Niemann. (deutet auf sein Schild)

LOGODAIA: Okay Niemann, hören Sie mir zu. Dieses ‚Utopia‘ von dem Sie sprechen, existiert nicht! Wissen Sie, was Utopia überhaupt bedeutet? Es bedeutet Nirgendwo, es ist ein ‘Nicht-Ort‘. Stammt von dem Altgriechischen ou-topos. Ich sage Ihnen, diese perfekte Welt, von der Sie mir erzählen, existiert nicht. Nur in Ihren Träumen! 

NIEMANN: ‚Wenn man daran glaubt, ist es kein Traum mehr‘...

Und außerdem… warum haben wir eigentlich so viel Angst zu träumen? Ist diese Welt so ganz unten angelangt, dass man nicht mehr träumen kann? Was ist das für ein Zeitalter!? 

LOGODAIA: Doch, träumen ist wichtig, damit die Hoffnung weiterlebt – denn die Hoffnung gibt uns den Mut zum Handeln. Nur wenn wir uns eine bessere Welt vorstellen können, können wir daran arbeiten. 

Und mehr denn je, brauchen wir jetzt große Träume und Visionen, die uns zusammenbringen, um den Zusammenbruch unserer Höhle zu verhindern. Wir dürfen nicht einfach die Hände in den Schoß legen und abwarten, was geschieht. Untätigkeit ist hier keine Option.

Aber gleichzeitig haben wir auch Angst vor großen Träumen. Wir sind irgendwie noch traumatisiert. Denn wir wissen, dass Träume in ihr Gegenteil umschlagen können. Und, dass Träume täuschen sowie wahrhaft enttäuschen können... 

Uns bleibt also die Frage: Wohin dürfen unsere Träume uns im heutigen Zeitalter führen?...  

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