Text 16 – 2021

[Die Gartentür Anna O’Callaghan]

Kindheit ist das Königreich, in dem niemand stirbt - Edna St. Vincent Millay

Ich sitze auf der Treppe und sehe den Staubpartikeln zu, wie sie in der Sonne spinnen. Sie weben zwischeneinander wie Partner in einem Tanz. Das Haus ist fürchterlich leise und ich versuche seine Stille nachzuahmen. Wenn ich bemerkt werde, werden sie mir sagen, dass ich gehen soll. Sie wollen hier bleiben. Tatsächlich will ich in dem Raum über der Treppe sein. Ich will nur bei Mama sein. Aber es ist mir verboten, also schaue ich durch die Geländer zu. Das weiße Zimmer. Es ist sonnendurchflutet und voll mit Trauer. Ich inhaliere die Stille und stelle mir vor, dass es sich neben meinen Knochen beruhigt. Ich versuche so ruhig wie Clara zu sein, während sie auf meinem Schoß sitzt. Clara trägt ein weiches blaues Kleid und ist eben so hübsch. Claras Haare scheinen wie echte Haare.  Es läuft durch meine Hände wie Wasser und ist Silber wie Mamas. Claras dunkle Augen sind auch auf Mamas Zimmer gerichtet. Wir sehen beide solidarisch zu. Manchmal kommt schrecklicher Husten aus dem Raum. Es durchsticht die Stille, aber macht es auch schwerer.  

Ich werde in die Flieder geküsste Hitze des Gartens hinausgeführt. Für einen langen Moment kann ich nur auf die geschlossene Tür starren. Dann wende ich mich an den Garten. Der Garten fällt in die Bäume hinweg, weg von dem ruhigen Haus, weg von Mama. Aber ich bewege mich durch die hohen Hecken im butterartigen, schläfrigen Sonnenschein. Es jagt die Kälte von meinen Fingerspitzen und auch Claras. Es riecht nach Sommer.

Ich schleiche mich durch das Gartentor und in den Wald. Der Wald ist leise. Eine andere Stille als die Stille des Hauses, die Stille eines angehaltenen Atems. Diese Stille ist ruhig, als ob der Wald im Sonnenschein döst. Die Bäume sehen mir zu, als ich mich durch den Wald, durch trübe grüne Lichtfelder bewege. Ich stelle mir vor, dass Clara und ich Prinzessinnen sind und hier ist unser Königreich. Die Bäume sind unsere Ritter, die stolz und groß stehen und sie sind so mutig wie an Fianna. Ich stelle mir vor, dass ich eine Krone trage. Wie die Blumenkrone, die Mama für mich gemacht hat. Wir marschieren die Linie entlang und kontrollieren unsere Legionen. Claras blasse Haare scheinen wie frisch geschmiedeter Stahl in diesem Licht, das Licht der alten Könige. Ich bin so froh, dass sie hier bei mir in all dieser Wärme ist. Ich hasse es, an sie in der Finsternis zu denken. Ein winziger Bach rieselt vorbei. Seine Farben wechseln in dem gesprenkelten Licht. Schiefer dann Jade dann Kiefer. Wir knien uns neben ihn. Und dann fangen wir an zu spielen.  

Der Fluss kocht vor Wut. Clara steht am Ufer und versucht, keine Angst zu haben. Das Geräusch des Kriegshorns schneidet durch das Land, uralt und scharf. Die Hügel schaudern in seinem Gefolge. Die Kavallerie rollt auf sie zu wie eine dunkle Welle. Jeder gezackte Atem bringt sie näher und näher. Schneller und schneller. Was nun? Was nun? Die Spitze ihres Schwertes sinkt im Schlamm, rutschig von ihrem Schweiß. Der Himmel ist fast weiß, wie ein schockiertes Gesicht. Sie sieht sich verzweifelt um. Ihre Haare peitschen ihr ins Gesicht, nicht mehr silber wie Mamas aber rot. Rot von dem Blut ihrer Ritter, ihrer Comitatus, ihrer Familie. Panik ergreift ihre Brust. Sie kann nicht atmen. Sie kann nicht denken. Sie kann nur sie sehen, wie sie fielen. Wie bewegen sie sich so schnell? Ihre Herzschläge klopfen durch ihren Kopf und passen zu dem Rhythmus ihrer Hufe. Sie wird hier sterben. Sie weiß es. Sie weiß es. Der Fluss wütet hinter Clara und fängt sie dort ein. Näher und näher. Sie essen die Erde mit jedem Schritt auf. Vielleicht werden sie sie an einem ruhigeren, weicheren Tag den Fluss hinunterschicken. In einem Langboot voller Flieder und Gold. Der Fluss siedet hinter ihrem Rücken und bettelt sie an, dies zu beenden. Mein Liebling, lass mich dich halten. Es ist vorbei. Es ist vorbei. Aber sie hebt ihr Schwert in zitternden Händen. Sie schreit, als ihr verletzter Arm reißt und zerfetzt. Sie donnern näher, so nah, dass sie die Erde erschüttern. Und sie zwingen Königreiche in die Knie. Ihr Königreich, das in der Sonne schien. Weg, alle weg. Lass mich dich halten, lass mich dich halten. Sie wird an diesem Ufer sterben, sie wird sterben, während ihr steht, wie an Fianna.

Sie sind jetzt hier, einen Atemzug entfernt. Eine schwarze Wand, die auf sie niederfällt. Hämmernder Tod, der in ihrem Blut widerhallt. Sie hebt ihr Schwert höher. Ihr Arm reißt und zerfetzt. Sie schreit...

Jemand ruft. Jemand ruft meinen Namen. Mein Kopf peitscht vom Bach auf. Nichts. Das Geräusch ertönt nicht mehr. Nur Schweigen strömt von den Bäumen aus, schrecklich und wissend. Und dann laufe ich in die Richtung des Hauses und stolpere über Äste. Die knorrigen Finger der Bäume strecken die Hand aus, um meine Haare zu schnappen und mein Gesicht zu zerkratzen. Tränen brennen in meinen Augen. Dieser Schrei war voller Furcht. Atemlos erreiche ich die Lichtung am Rande des Gartens. Ich vergaß meine Puppe am Bach, ihre Haare verschüttet im kalten Wasser, wo ich sie verließ. Der Garten schwankt in schockierter Stille und Wind fegt Wolken über die Sonne. Jemand hat eine Faust um mein Herz. Schweigen bedeckt das Haus wie ein Leichentuch und ich weiß es.

Ich dachte, dass dieser Moment der schlimmste Moment meines Lebens war. Aber nun würde ich alles tun, um in diesen schattigen Garten zurückzugehen. Sie war so unmittelbar in diesem Moment. Immer noch so nah. Ihre Stimme, ihr Lachen, die Wärme ihrer Hand - alles direkt hinter meinen Augenlidern. Ich konnte sie berühren, wenn ich wollte. Jetzt kämpfe ich, wenn ich mich an ihr Gesicht zu erinnern versuche. Ich kenne sie, wie man einen Charakter in einer Geschichte kennt, so vertraut und so weit weg. Ich kenne ihr Leben, wie man alte Legenden kennt. Die Tage, wenn sie meine Haare berührte, verwandeln sich in Folklore.

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