Text 15 – 2019

[ Die schönste Frau von Wien ]

11. Dezember 1964

Die Regentropfen gleiten das neblige Glas der New York Wolkenkratzer herunter. Ein grauer Himmel hängt über dem Horizont und Autos verstopfen die Straßen. Die Lichter spiegeln sich in Pfützen auf dem Bürgersteig. Fußgänger kämpfen gegen den Wind. Ein Porträt von einer Frau hängt in einer Wohnung.

8. Februar 1965

Dunkelheit. Lichter blenden auf, um ein großes Opernhaus zu zeigen. Eine junge Frau trägt ein langes Kleid und steht im Zentrum gegenüber einem jungen Mann.

Mann: Alma, mein Schatz. Also, du bist endlich gekommen.

Die Frau starrt den Mann an, ohne ihn zu erkennen.

Mann: Ich nehme an, dass du mich nicht erkennst, wenn ich so jung aussehe.

Die Frau geht einen Schritt zurück.

Alma: Und du hättest mich vor zwanzig Jahren treffen sollen, Gustav! Du siehst gut aus.

Gustav: Nun, du hast immer gut gekleidete Männer gemocht.

Alma: Ha! Vielleicht sollte ich mit dem Benedictine Likör aufhören. Auf jeden Fall, Katzenjammer ist nicht so gut, wenn man fünfundachtzig ist.

Gustav: Schatz. Ich muss dir etwas sagen. Du bist nicht betrunken.

Alma: Schade.

Ein Augenblick. Die Frau blinzelt.

Alma: Ich bin gestorben, nicht wahr?

Gustav: Ich gebe zu, du hast Recht.

Alma: Ohje.

Die junge Frau prüft ihre Umgebung und kontrolliert ihr Gesicht.

Alma: Kein Publikum? Also das hier kann nicht der Himmel sein! Und nichts für Ungut mein Lieber, aber ich will die Ewigkeit nicht mit dir verbringen.

Gustav: Und das war dein Problem. Du wolltest immer die Welt.

Alma: Ich? Ich war nie das Problem. Das Problem war die Welt.

Alma Mahler starrt Gustav an und er bewegt sich langsam, um sich auf einen Stuhl neben einem roten Vorhang zu setzen.

Gustav: Du bist noch nicht in Leben nach dem Tod. Noch nicht. Das Leben nach dem Tod ist da hindurch.

Gustav deutet auf die roten Vorhänge.

Gustav: Ich bin einfach hier, um ein paar Sachen klar zu machen. Für dich und für mich selbst.

Alma: Also. Fangen wir an oder was? Wiener Hofoper. Warum hier? Warum bin ich nicht in Amerika? Ich bin in New York gestorben.

Gustav: Sie haben dich hier beerdigt. In Wien. Mit Manon.

Alma: Manon? Mein Liebchen. Wo ist sie? Ist sie hier?

Gustav: Ah natürlich. Das Kind von Gropius. Nein. Sie ist nicht hier.

Unangenehme Stille.

Alma: Guckt mich nicht so an, Gustav.

Gustav: Unsere Tochter, Maria Anna ist auch gestorben oder hast du das schon vergessen? Unsere Tochter ist tot und meine Frau geht nach Todelbad und fängt eine Affäre mit einem Architekten an. Hast du irgendeine Ahnung, was du gemacht hast? Die Qual, die du mir gegeben hast?

Alma: Du hast versucht, mich einzuschränken, Gustav. Mich und meine Musik. Was für eine Wahl hätte ich gehabt?

Gustav: Welche Wahl außer der Verführung all deiner Männer?

Alma: Meine Männer? Natürlich. Alle meine Männer. Weißt du noch, was sie mich genannt haben, Gustav? Die furchtbaren Wörter, die sie gesagt haben? Schlampe. Hure. Die Schlampe von Wien.

Gustav weicht zurück.

Alma: Hast du eine Ahnung, wie schwierig es ist, eine Frau mit Ehrgeiz zu sein? Die Welt versuchte, meine Kunst einzuschränken. Es geht nicht um Männer, nicht wirklich. Ich habe ihre Kunst mitgelebt. Die ganze Ausschweifung davon. Es war alles Kunst.

Gustav: Du warst eine Künstlerin, das ist wahr. Und ich gebe zu, es war ein Fehler zu versuchen, dich einzuschränken. Deine Musik war bewundernswert. Du warst bewundernswert. Wild, aber bewundernswert.

Alma Mahler sieht den Mann in seinem seidenen Blazer an. Ihr Gesicht erweicht. Sie nimmt ihre Handschuhe von den Händen.

Gustav: Du hast mich betrogen Alma.

Alma: Und du hast versucht, mir meine Arbeit wegzunehmen.

Gustav: Und dafür bereue ich es. Habe ich es nicht wieder gut gemacht, gegen Ende?

Alma: Ende gut, alles gut.

Stille.

Alma: Und ich wollte dir wirklich kein Leid geben. Es tut mir leid.

Gustav: Du hast etwas angefangen, Alma. Eines Tages wird irgendwer von dir lesen. Sie werden dadurch inspiriert werden. Du wirst weiterleben durch die Arbeit der Künstler, die du bezaubert hast. Du bist eine Inspiration.

Alma Mahler starrt ihren Ex-Mann für ein paar lange Sekunden an. Die Worte hallen in dem leeren Theater wider. Ein Lächeln wärmt ihr Gesicht.

Alma: Wie lange hast du diesen Satz vorbereitet, Gustav?

Er lacht.

Gustav: Ich habe viel Zeit gehabt um zu überlegen.

Sie lächeln sich gegenseitig an.

Alma: Also. Wie ist das Leben nach dem Tod?

Gustav: Weiß ich nicht.

Alma: Du würdest mich nie anlügen, oder Schatz?

Alma hebt eine Augenbraue hoch. Sie blendet mit neuer Jugend. Sie senkt ihre Augen zu Gustav.

Gustav: Nein. Ich würde dich nie anlügen. Ich weiß nur, dass sich dein Zauber durch die Straßen von Wien schlängeln wird, sogar im Tod. Besonders im Tod. Klimt, Kokoschka der Irre, Franz Werfel. Alle diese Künstler. Ich weiß nicht, ob du Menschen inspirierst oder besitzt, aber du hast sie alle bezaubert.

Alma Mahler geht zum Stuhl. Gustav Mahler nimmt ihre Hand und gibt ihr einen kleinen Kuss.

Alma: Na ja. Schicke Manon meine Liebe. Maria Anna auch. Schicke ihnen beiden meine Liebe. Vergiss mich nicht, mein Schatz.

Gustav: Als ob ich das könnte. Mein Schatz – du bist die schönste Frau von Wien.

Alma schenkt Gustav ein letztes Lachen und dreht sich um, vor die Vorhänge. Sie atmet ein, entspannt die Schultern und ist dann hinter den Vorhängen verschwunden. Die Lichter gehen aus.

Dunkelheit.

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