Text 13 – 2019

[ Hinter der Bühne ]

Sie machte die Tür zum Theater auf und trat ein. Wie immer schlug ihr der Geruch von Parfum als erstes ins Gesicht, wie die Geister der Seelen der Menschen, die vorher hier saßen. Sie kreierten ein Aroma von Reichtümern und Gelächter. Eine Mischung aus teurem Eau de Cologne und den alten Stoffen der Stühle begrüßten sie wie immer. Sie fragte sich oft , wie es möglich war, dass das Zimmer das Aroma halten konnte, obwohl es so groß war.

Sie ging weiter bis sie vor der Bühne stand and starrte auf die glitzernden Lichte und die Fäden, die sich drehten.

Sie richtete die Schürze, band sich die Haare fest zusammen und ging hinter die Bühne, um sauberzumachen.

Als sie ankam fiel es ihr schwer die Tür aufzumachen, wegen der Ausstattung, die dahinter war. Mit einem Ruck ging sie auf und sie stand vor dem Chaos, das sie organisieren musste. Ein Gestöber von Rosenblättern bedeckte den Boden, vermutlich Blumen, die dem Star der Vorstellung geschenkt wurden.

Etwas, was sie wahrscheinlich nie kennlernen wird.

Sie legte ihre Hand auf den Tisch, der mit Spielbüchern und alten Handschuhen bedeckt war, aber sie nahm sie schnell wieder weg, als sie die kalte Trockenheit von Wodka auf ihrer Handfläche spürte.

Vielleicht war das der Schlüssel, um eine erfolgreiche Schauspielerin zu werden. Man wird so viele verschiedene Menschen, dass es unmöglich ist, sich an alle zu erinnern, und mit allen verbunden zu sein.

Fünfundzwanzig Minuten später sammelte sie die Reinigungsmittel und begann wieder zu der Tür zu gehen, als sie etwas sah. Etwas Blaues und Kleines, auf dem Stuhl, den sie einfach in die Ecke gestellt hatte, weil er im Weg war. Besorgt, dass jemand etwas Wichtiges zurückgelassen hat, trat sie näher und nahm den kleinen blauen Briefumschlag in die Hand. Sie las was vorne geschrieben stand mehrere Male, und fragte sich was es bedeuten könnte.

„An dich“

Als ihre Finger sich am Papier entlang bewegten, bemerkte sie, dass er schon einmal geöffnet wurde. Es klebte eine winzige Briefmarke drauf.

„Lies mich.“

Ihre Finger fühlten schon das Papier, ihre Augen starrten im Raum herum und dann wieder zum Brief.

Ich bin schon auf halber Strecke in den Kaninchenbau hinunter.

Meine Liebe,

wenn du diesen Brief liest, bedeutet es, dass ich nicht mehr hier bin. Ich will dir erstens danken, dass du ein Teil dieses Prozesses bist. Ohne dich wäre es unmöglich für uns zu schreiben, zu malen vorzuspielen, auszumalen.

Dank für die Liebe, die du uns immer gibst, die uns jeden Tag stärkt.

Deine Unterstützung ist unbezahlbar und hilft uns dabei, die Frauen zu werden, die wir heute sind.

Deine Güte ist das Katapult, das uns hilft unser Schicksal zu erreichen, es bleibt nie unbemerkt.

Danke, dass du alles hinter der Bühne gesehen hast, und uns trotzdem nicht aufgegeben hast. Alles was ich erreicht habe, ist das Resultat der Liebe der anderen.

Bitte, lasse diesen Brief nicht hier. Egal wo du ihn liest, gib ihn weiter. Deinen Töchtern, Schwestern und Müttern. Sie sind die echten Stars der Show.

Vielen Dank,

I. Bachmann-

Sie hatte Tränen in den Augen und steckte den Brief sanft wieder in den Briefumschlag. Sollte sie ihn mitnehmen oder hier lassen? Sie hätte ihn nie öffnen sollen! Sie fühlte sich aber plötzlich wie eine Heldin. Sie könnte jetzt die Macht haben, etwas zu verändern-

„Lena?“

Hanna stand an der Türschwelle, verwirrt.

„Alles in Ordnung? “ ihr Lächeln verschwand schnell und sie begann näher zu kommen.

„Was hast du?“

Lena wischte sich die Tränen schnell weg und legte den Brief wieder auf den Stuhl.

„Nichts, ich meine-“

„Okay. Ich wollte dir sagen, dass sie das Theater zusperren wollen.“

Lena ging schnell zu der Tür bevor Hannah sie fragen konnte, etwas genervt, ob sie sie mitnahm. „Dann, los.“

Die Sonne draußen blendete stark als sie zur Haltestelle gingen. Lena legte ihre Hand an die Stirn, um ihre Augen gegen die Strahlen zu schützen.

„… ich fühle mich fast wie der langweilige Elternteil. Es geht immer um Hausaufgaben, Schule, Respekt und so weiter. Ich kann das nicht mehr. Wir beide müssen versuchen sie zu erziehen, aber es liegt immer nur an mir…. “

„Ja… ich weiß…“

„Er hat Sophie letzte Woche im Park vergessen. Im Park! Wie vergisst man einen ganzen Menschen?!“

„Mmmm…“

Lena? Hörst du mich eigentlich?“

Sie waren plötzlich vor der Haltestelle.

„Hannah, tut mir leid, aber ich muss wieder zum Theater, geh du ruhig vor.“

„Warum?“

„Ich denke, ich habe was Wichtiges vergessen.“

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