Text 12 – 2019

[ Frühkindlicher Reflex ]

Bumm! Es donnert draußen, lauter und schneller,
Sanft und langsam, in mein Inneres, verkrieche ich mich,
Nutzlos, es donnert weiter.

Sprengstoff und Prallschüsse rücken immer näher…
Ach ja, pass auf, sie sind schon hier.
Prellfrei schweben sie durch das Atelier,
In beschimpfenden Bewegungen, ohne Rücksicht auf Verluste.

‘Explosionkrater des beweglichen Vermögens’
‘Explosionszentrum der künstlerischen Kreationen’
Wutentbrannt und zornig,
Natürlich fühl’ ich mich so!

Gustav Klimt, 1910,
Friede, Freude, Kinderlachen und Regenbogenforelle am Attersee,
Lebenskraft, Lebensreform,
Zellvitalität im Organismus.

‘Atomexplosion meiner seelischen Moleküle’
So zweischneidig
‘Atomexplosion meiner seelischen Moleküle’
So zweischneidig

Als mir der Satz einfiel, nur Ideen voller Leben und wunderschönen Idealen wurden zur Explosion gebracht;

Das Getöse des Kampfes,
abwesend, entferntliegend.

Eine ohmächtige zerstörungsfreie Zerstörung des Kitschs:
Die bahnbrechenden knallbunten Kleidungsstücke,
die spartanische Nüchternheit eines Kittels.
Die waren alle da, harmlos,
berührungsweichendes Material,
Bezeug ihre Pracht!
Pst, sei doch still,
Es war nur einmal vor langer, langer Zeit.

Alles vor mir brennt jetzt,
Die chinesische Kaisertracht aus 1910, vermutlich mein liebste,
die hat Brandflecken überall, kaum mehr als ein runzeliges Geschirrtuch, kaum erkennbar.
Ein Haufen tadelloser Kleidung, tot.
Die waren eindrucksvolle Schöpfungen von Menschenhand,
falsch,
Schöpfungen von Frauenhand.
weibliche Wunder von 80 fleißigen Schneiderinnen.
Davon habe ich lang geträumt: Missachtung des feigen männlichen, religiösen Gustos.

Die Objekte brennen, scheiß drauf,
ich hoffe, dass jemanden sie abfotografiert hat.

…Der hypnotische Feuertanz…
…Eisiger Blick im Gesicht…

Ich bin gelähmt, ich starre noch drei Sekunden länger, dann schaue ich weg, es ist genug.

Ruhig und gefaßt fällt mir ein Ölgemälde auf, zwei aneinander geschmiegte Menschen sind im Rahmen, schaul mal wer da ist!
Ich bin’s! Und der Klimt natürlich daneben.
Wie ist meine Figur da rein geraten? Ach ja, der Klimt hat uns damals beide gemalt.

Ich schaue tiefer ins Ölgemälde hinein, hefte meinen Blick auf Gustavs Kopf,
sein Kopf, sein Kopf ja, fast kann ich es berühren,
Ich warte ein paar Sekunden,
warum solch ein seltsames Gemälde?
I’ kann die Neugier nicht mehr festhalten,
mein Blick dringt tief in seinen Kopf und Gehirn.

Bezeug den Glanz der Sonne!
So warm, so leicht, so beruhigend
genauso wie die Kleidung der Flöge, wenn sie meine Haut mit Sanftmut streichelt, nah…
viel zu abgeschmackt, schmalzig, ich weiß es gibt doch was anderes in ihr, dass mich ein Bild zu malen motivieren könnte, was ist denn das?
Oh… sie kommt schon; lass es sein.
Ich erblicke sie, vom Seeufer kommt sie mir entgegen; einsiedlerisch, stürmisch, einzigartig und verschollen,
wie ein heiliges Tier einer vergessenen Religion.
Sie trägt das schwarze Kleid mit den weißen Spiralen auf den Schultern,
manche Leute sagen sie sei verrückt, aber warum verstehe ich nicht.
‘Aus welchem Grund soll der Leib sich der Kleidermode anpassen? Unsere Weltanschauungen machen das schon jeden Tag’.
Sie unterhaltet sich darüber mit Freunden und ich bin stolz auf sie.

Wir legen uns auf das Alpengras,
süßer ekstatischer Tanz des Fleisches.
ich starre ihre Schultern an, die Formen, die
winken mir herüber, ich verfolge die Formen.
wir reiten im gleichmäßigen Tempo,
wir galoppieren auf der Spirale,
vom Kernpunkt jede Kurve entlang
drehen sich meine Glieder nach außen,
genauso wie die Farbe aus dem Pinsel,
ich sehe Formen, aber sage nichts,
uns jubeln 1000 Leute nicht zu,
trotzdem genießen wir es, es lohnt sich.
Der Weltschmerz wird gerade schwerelos,
eine Chance wirklich lebendig zu sein,
einfach frei zu atmen.

Mit schnelleren Tempo wird die Spirale größer und größer
eine zarte weibliche Note ruft mich aus einem nie vorhergesehenen Ort,
es gibt Fremde da, überall;
sie sind einzigartige seltsame Formen aber ich fühle mich nicht fremdenfeindlich,
ich weiß nichts davon, aber sie geben mir was ich will.
die Zeit ist um, Sie bringen mich wieder zum Kernpunkt zurück.
Ich spüre sie, die seelischen Moleküle springen in die Luft,

[…das Tempo drosselt…]

die haben mir etwas hinterlassen, die Flöge hat das erlaubt, ich muss sofort was malen.

Mein Blick wird mit Gewalt aus seinem Kopf, danach aus dem Gemälde rausgesaugt.
Mein Gesicht hart getroffen,
schnappe ein paar Sekunden nach Luft… …
ich kehre zum Leben zurück.

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