Text 10 – 2020

[ Euphorie ]


Die Memoiren von
Lukas Schwarz

Veröffentlicht: 2120

 

Über Lukas Schwarz

In Anbetracht seiner Familienverhältnisse ist das vielleicht keine echte Überraschung, dass Lukas Schwarz letztendlich ein machtvoller Politiker geworden ist, denn Politik war alles, was Schwarz kannte. Er ist in Innsbruck geboren und aufgewachsen und genoss ein fröhliches und sicheres Familienleben. 

Mit Sechszehn engagierte er sich zum ersten Mal in der Lokalpolitik, welche den Grundstein für die einflussreichste Politikkarriere aller Zeiten legen würde. Seine Motivation? Schwarz wollte hauptsächlich für eine friedliche, nachhaltige und tolerante Zukunft für Österreich und Europa kämpfen, unabhängig davon, wie unwahrscheinlich das schien.  

Nachdem Ingrid Felipe die Grünen zum katastrophalen Ergebnis bei der Nationalratswahl im Oktober 2017 geführt hatte, wurde Schwarz nach mehreren Jahren als Abgeordneter zum Vorsitzenden gewählt. Dank eines revolutionären Wahlkampfs und trotz der Popularität von Sebastian Kurz führte Schwarz die Grünen zu einem erdrutschartigen Sieg bei der Wahl 2019,   und schaffte damit einen Weg für eine Erneuerung Österreichs und folglich der Welt, die niemand vorhersehen hätte können, als er im Januar 2019 angelobt wurde. 

Die ersten Monate im Kanzleramt waren für Schwarz sehr schwierig, denn Wirtschaft und Volk mussten sich an die extremen, aber notwendigen Umweltreformen gewöhnen. In Zusammenhang mit dem zweiten Koreakrieg, der Wahl von Donald Trump zur zweiten Amtszeit als Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika bis zur chinesischen Annektierung von Hongkong und Singapur, wurden seine Zustimmungswerte in seiner eigenen Partei, Österreich und Europa immer niedriger. 

Als Österreich und Europa anfingen, die Früchte Schwarzs Pläne zu ernten, wurde die Welt auf den Kopf gestellt.  

Diese im Zeitraum von 2020-2030 geschrieben Memoiren sind unvollständig, da die originalen Buchbestände nur fragmentarisch erhalten sind. Expert*innen und Historiker*innen haben dennoch, soweit wie möglich, mit wenigen Informationen versucht, die entdeckten Ausschnitte der Memoiren chronologisch bezüglich seines Lebenslaufs anzuordnen. 

[…] bezeichnet Lücken im Text, die vermutlich existierten, aber nicht gefunden wurden. 

 

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

[…]

Das verfälschte Ergebnis 

Die allerbeste Nacht meines Lebens 

[…] 

Diesmal (nicht) Kurz 

[…] 

Florieren und Sterben 

[…]

Feindesland wird Freundesland 

Meinsere Utopie 

Ausfransen am Rand 

[…]

Ich hoffe, wir hoffen. 

 

Vorwort

‘Ein Kind, das nicht von seiner Heimat geliebt wird, wird sie niederbrennen, um ihre Wärme zu spüren’. Das sagte immer mein Vater, als ich als Kind verwirrt in seine Augen starrte.

Damals hatte ich keine Ahnung, was er meinte oder warum er überhaupt von einem Dorf sprach. Abgesehen davon hat dieses Zitat mich durch mein ganzes Leben begleitet, ohne das wäre ich verloren gegangen, das beleuchtete meinen Weg, selbst in den dunkelsten Stunden. Ich teile diese intimen, geistig anstrengenden Erinnerungen mit euch, denn ich hoffe, dass sich die Menschheit daran erinnern wird, dass ein friedliches, utopisches Zusammenleben auf unserer Erde möglich ist, und damit unser Gedächtnis nicht so kurz wie normal sein wird.  

Dies ist die Geschichte meines Lebens, eine Geschichte, die hoffentlich noch lange in die Erdgeschic […]

 

Diesmal (nicht) Kurz 

Nach dem Ergebnis hatten andere Parteichef*innen keine Wahl außer zurückzutreten, und das befriedigendste Beispiel davon war der Rücktritt von Herrn Kurz. Man würde erwarten, dass ich mich nach so einem Sieg gefreut hätte, oder? Leider war dem nicht so. […]

Die Grünen waren in der Lage, die österreichische Gesellschaft und Kultur fundamental zu verändern, aber ehrlich gesagt, war ich hin und her gerissen. Ich hatte jede Menge demokratischer Macht, aber ich trug auch gleichzeitig die ganze Welt auf meinen Schultern. Vielleicht ist das wie sich Herr Farage nach der Brexit-Wahl oder wie Donald Trump, nachdem er zum ersten Mal gewählt wurde, fühlte. Andererseits ist Donald nach meiner Erfahrung so ignorant emotional, dass das vielleicht nicht so war. Wer weiß denn […]

Dieses verhängnisvolle Gefühl blieb mehrere Wochen bis ich zur Erkenntnis gelangte, dass Existenzkrisen nur alles weiter verschlimmern würden. Ich wusste, das dunkle Tage vor uns als Partei und Land lagen, aber ich war bemüht, weil wir nur eine Chance hatten, um unsere Politik umzusetzen und echte Veränderung zu schaffen. Das war in Reichweite, und ich hatte nicht vor, aufzugeben oder […]

 

Florieren und Sterben 

[…] ar die ersten Tage, in denen wir Licht am Ende des Tunnels sahen. Betriebswirtschaftlich florierten wir, und die Umwelt wurde immer sauberer, zumindest in Österreich. Die anderen Länder waren immer noch in Verdrängung, dass sie irgendwie immun gegenüber den Auswirkungen der Zerstörung unserer Erde waren. 

Ich dachte, dass nach zwei schwierigen Jahren, das schlimmste vorbei war. Für mich, für die Menschheit, war das nur der Anfang. Ich erinnere mich sehr gut an die Eilmeldung auf meinem Handy. Ich hörte die Stimme und dachte, wieder etwas Langweiliges, wie der Tod eines einst berühmten Schauspielers, aber ich lag daneben. Das ist jetzt schon normal, für ganze Generationen ist das keine Überraschung, aber für uns damals, wir hatten nie etwas so Fremdes und Verunsicherndes geseh […]. Diese Kapseln, die in verschiedenen Städten der Welt erschienen, standen bedrohlich in der Mitte der schlagenden Herzen der Menschheit, und niemand wusste, was getan werden sollte.  In derselben Nacht fand ein Eiltreffen der Vereinigten Nationen statt, an dem ich als Bundeskanzler teilnehmen musste. Ich hatte kaum geatmet, bevor mein Handy klingelte. Es war Friedrich May, mein Innenminister, und er sprach mit einem rauen Ton, als ob er wieder sechs war und seine Mutter im Supermarkt verloren hatte. Er sagte, Die Kapseln gäben ein türkisgrünes Gas ab, dass alles zerstöre. 

[…] Unsere Diskussionen hätten Wochen dauern sollen, aber so einen Luxus hatten wir nicht. Wir mussten so schnell wie möglich herausfinden, was diese Kapseln waren, warum sie waren, und was wir machen mussten, sollten und konnten, um die Zerstörung einzudämmen. Nach stundenlangen Auseinandersetzungen, mittlerweile waren Menschen gestorben, musste ich meiner Regierung Bescheid geben, was überhaupt los war. Ich erkannte, dass ich problemlos mit meiner Vize-Kanzlerin in der Innenstadt von Wien sprechen konnte. Das hieß, dass Wien irgendwie unangetastet geblieben sein muss. In diesem Moment fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Ich fand nicht heraus, was die Kapseln waren, oder warum sie überhaupt da waren, aber vielleicht noch wichtiger, wusste ich wie wir die Zerstörung zumindest verlangsamen konnten. Das hoffte ich zumindest. Ich prüfte andere Städte, und hatte Recht. Singapur war beschädigt, aber die Gardens by the Bay waren unangetastet. Central Park in New York? Im Ursprünglichen Zustand. Das Gas beschädigte nur, was umweltverschmutzend war. Fortan mussten wir so schnell wie möglich die Umweltverschmutzung verringern, oder besser ausrotten […] 

Zwei Theorien über die Kapseln erschienen. Manche dachten, dass die Kapseln von Umweltaktivist*innen als letztes Mittel eingesetzt wurden, andere, dass Außerirdische dafür verantwortlich waren. Es hätte sein können, dass die Umweltschützer*innen aus Versehen zu weit gingen, aber meiner Meinung nach, hatten wir eine bessere Chance, als wir alle dachten, dass es Außerirdischen waren, und so wurde dieses Narrativ geboren.

Obwohl ich stellvertretender Chef der Erd-Taskforce für Umweltschutz (ETU) wurde, und deswegen viel Macht hatte, hat die vermutete außerirdische Bedrohung wie nie zuvor fast alle dazu verzinkt, zusammen zu arbeiten. Es schien, dass alle Meinungsverschiedenheiten zwischen Nationen vergessen wurden, und das war erforderlich, denn ohne eine zentralisierte, einheitliche Reaktion wären Länder wie die USA oder China irreparabel beschädigt worden. Innerhalb weniger Tage hätte ich die größte berufliche Beförderung, die man je bekommen konnte. Ich wurde Erdpräsid […] 

 

Meinsere Utopie 

Die Senkung der Emissionen ging unglaublich schnell. Trotz des Widerspruchs verboten wir fossile Brennstoffe vollständig. Also, ja, Leute hatten am folgenden Tag keine Lieferungen mehr. Rationierung musste wieder eingeführt werden und die Ernährung bestand gesetzlich vorgeschrieben aus lokal produziertem Gemüse und Milchprodukten. Richtig, niemand durfte Fleisch essen. Kunststoff wurde nicht mehr hergestellt, also wurde es nicht mehr verwendet. Als Autobahnen ruhig wurden, wurden Flughäfen wie Geisterstädte. Elektronische Dienste und zusätzliche Geräte wurden begrenzt, da elektronische Geräte nur mit erneuerbaren, von kohlenstoff-negativ hergestellten Brennstoffen erlaubt wurden. Sogar neue Kleidung zu produzieren wurde verboten, alles um zu versuchen, die Menschheit zu schützen […]. 

Ein oder zwei schwierige Übergangsmonate, auf jeden Fall, aber dann waren plötzlich alle Kapse […] 

[…] Obwohl die Bedrohung nicht mehr da war, fingen wir an, diese alternativen Technologien überall auf der Welt einzuführen, damit wir die gleichen Freiheiten genießen konnten, die wir hatten, und gleichzeitig unsere Umwelt schützen, die fast verloren war.

[…] saß zu Hause und dachte, wie utopisch alles war: also Utopia gibt’s doch nicht, aber Sie wissen, was ich meine. Ein Jahr nachdem die Kapseln verschwunden waren, erwartete ich, dass sich alles normalisiert hätte. Wir wären wieder gierig und egoistisch. Aber im Gegensatz dazu schien es, dass die anscheinend unendlichen Monate, in denen wir uns als verantwortliche Mitbewohner*innen der Erde benahmen, einen kulturellen Einfluss hatten. Es war plötzlich normal, mit öffentlichen Verkehrsmitteln überallhin zu fahren, sogar in den Urlaub. Fast keine Leute aßen in Neuseeland hergestellte Kiwis in Wien zum Frühstück. Spannungen zwischen den größten Ländern kehrten selbstverständlich zurück, aber nicht im Entferntesten so stark wie früher. Die Menschen waren gesünder und glücklicher und die Kriminalitätsrate wurde immer niedriger. Das gefiel mir am meisten, obwohl ich etwas Verantwortung trug, hatten wir als Menschen die Macht, unser Paradies zu schützen, das wussten wir nur nich […]

 

Ich hoffe, Wir hoffen.

Egal ob sie von Umweltaktivist*innen oder Außerirdischen eingesetzt wurden, schaffte das Ankommen der Kapseln eine Welt, nach der sich so viele Menschen schon lange gesehnt hatten. Eine Welt ohne Kriege. Eine Welt, in der wir mit Tieren und Pflanzen erfolgreich nebeneinander bestanden. Eine Welt, worin künstliche Grenzen niedergerissen wurden. Niemand weiß, was in den kommenden Jahren passieren wird, aber selbst wenn wir wieder zu einem maßlos gespaltenem und ichbezogenem Weltgeist zurückkehren, war es das größte Privileg meines Lebens, die Erde und all ihre Lebensformen auf so einer Niveau zu vertreten. 

Nach allem was ich erlebt habe, erkenne ich jetzt, dass wir als Menschen die ganze Zeit die Kraft hatten, unsere eigene Utopie zu schaffen. Wir brauchten keine stärkere Klimakontrolle, keine neuen Waffengesetzte in Amerika oder Demokratie in allen Ländern.  

Unsere Position im Universum zu entdecken, sollten die Kapseln außerirdische Technologie gewesen sein, war alles, was wir benötigten. Oder sogar wenn sie von Menschen geschaffen wurden, ist es egal, denn wir besaßen sowieso eine ähnliche Denkart. Diese Reihe von Ereignissen ermächtigte uns, unsere Unterschiede beiseite zu lassen und als Menschen von jedem Hintergrund wie nie zuvor zusammenarbeiten zu können.

Das Dasein der Kapseln tat genau das, und ein kleiner Teil von mir ist dankbar. Wird diese derzeitige Utopie bleiben? Ich hoffe doch, denn wie ich meinem Vater versprochen habe, haben wir zusammen den Kindern, die die Erde niedergebrannt hätten, ihre Erhabenheit und Reichtum gezeigt. Wir haben ihnen gezeigt, was möglich ist, wenn wir als Menschen statt Österreicher*innen denken. Ich hoffe sehr, dass das alles weitergeht. Wird das auch in der Zukunft der Fall sein? Naja: People say I’m a dreamer, but I’m not the only one. 

Obwohl diese ca. 2025 geschriebenen Memoiren unvollständig sind, da die originalen Buchbestände bis 2095 fragmentarisch erhalten wurden, bieten die entdeckten Ausschnitte trotzdem einen unvergleichlichen Einblick in das Leben des einflussreichsten Menschen, den die Welt je gesehen hat. 

Sein Schreiben ist intim, engagiert und ehrlich und seine Geschichte wird über Jahre hinweg gefeiert werden.

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