Text 09 – 2019

[ Ungargasse 39, Wien. 1944. ]

Wer ist das denn ? Pauline, bist‘s du ?

Ah… du willst mich etwas über Gustav fragen? Nach einem Vierteljahrhundert ist er gestorben, Kleine… Aber komm rein. Entschuldige… Es hat hier letzte Woche gebrannt… Ich habe so viel verloren, auch Sachen von ihm… Ich kann dir aber vielleicht einen Tee machen. Setz dich einfach. Journalistin, hast du gesagt, oder?

Oh, ich bitte dich, sag mir nichts über das Porträt ! Vierzig Jahre habe ich das Bild gehasst; durch zwei Kriege habe ich dieses hässliche Bild gehasst. Dieses schreckliche Blau – hat er mich dann als Pfau gesehen? Was für eine „Muse“ – ! Mama hat es so furchtbar gefunden, und Pauline hat mich verspottet. Ne, wenn er mich nur in einem weiβen Kleid gemalt hätte!

Das Porträt ist gar nicht liebenswert. Wir haben es der Stadt gegeben – aber was sollte ich denn machen? Ich konnte Mama nicht sagen, „schau dir mal diese Skizze an, in der ich nackt bin! Man sieht meinen Arsch, aber das Kleid ist weiβ!“… Nie und nimmer. Ich kann das jetzt einfach sagen – ich bin alt, Mädchen, ich bin eine alte Dame. Was interessiert eine 70-Jährige die Scham? Ich bin schon die Schande von ganz Wien. „Die Flöge, sie hat die Juden gekleidet!“, sagt man jetzt. Stell dir vor, einmal war unser Salon das Wunder der Mariahilferstraße, und jetzt nähe ich in meinem Schlafzimmer wie ein Bauernmädchen aus den Bergen. Ein heroisches Ende, nicht wahr?

Das war lustig… Als er gestorben ist, hat man dieses Bild gefunden, die Skizze… Ich habe Mama gesagt, „das war Selena Lederer, er hat es mir selbst gesagt!“ Ich denke, Selena hat das Gleiche über mich gesagt. Er hatte einen Ruf, der Gustav. Wusstest du das? Vielleicht bist du zu jung… Alle meinten, dass wir Geliebte waren. Bist du schon verheiratet? Glaubst du, dass Männer und Frauen einfach Freunde sein könnten? Vielleicht wird es für deine Generation einfacher sein… Auf der anderen Seite gibt es schon wieder Krieg. Diese Bomben sind schrecklich. Hast du genug zu essen, Kind? Trink deinen Tee. Du kannst mich weiter fragen, nachdem du Tee getrunken hast.

Du trägst kein Korsett. Frauen tragen das nicht mehr, oder? Ich bin vielleicht arrogant, wenn ich sage, dass ich einen Einfluss darauf hatte. Ich habe die Korsette immer so gehasst. Wie kann man darin atmen? Ich wollte die Frau befreien. Empire-Taillen, und lange breite Ärmeln. Fast immer aus weiβem Stoff – ich wollte wie eine Madonna aussehen. Ein Engel… und der Zwecklose hat mich in Blau gemalt! Unglaublich. Du musst mich so oberflächlich finden. Aber es war eine einfachere Zeit. Das weiβe Kleid würde dir gut stehen… Besser als mir, auf jeden Fall, ich bin alt, man fotografiert mich nicht mehr. Leider, der Brand… Ich kann vielleicht etwas für dich finden, wenn du probieren möchtest. Nein? Das ist eine einzigartige Möglichkeit! Die Nazis kleiden sich vielleicht in Boss, aber ein Kleid von den Schwestern Flöge war einmal von unschätzbarem Wert.

Was möchtest du noch mehr? Tee? Antworten? … Komm dann bitte morgen, Kind. Finde mich noch einmal morgen. Ich bin alt, würdest du deiner eigenen Groβmutter so viele Fragen stellen? Ich kann nicht, Kleine, ich kann nicht. Wie heiβt du noch einmal? Du kannst mich auch „Emilie“ nennen, oder „Fräulein Flöge“, wenn du willst – ich bin nie verheiratet gewesen, bin keine „Frau“. Ja… ja, komm morgen. Ich werde dir wieder einen Tee machen und mich besser vorbereiten… Ich kann dich in den Salon bringen. Das ist zwar kein Geschäft mehr, aber das Gebäude gehört immer noch mir. Ich habe darin ein paar Sachen von ihm – seine Staffelei und so weiter. Du kannst auch fotografieren, ich lasse es zu.

Aber geh jetzt.

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