Text 03 – 2021

[Eine Erzählung in drei Akten]

Die menschliche Stadt

Ich gehe durch die Stadt und bin ganz allein. Die anderen sind verschwunden. Die anderen wurden vertrieben. Von der Krankheit. Vom Virus. Und ich fühle mich einsam.

Alle sind nun zu Hause.

Und die Stadt schweigt, und die Stadt ist still, die Stadt ist tot. Beraubt von ihrem früheren Gewühl, von ihrem Glanz, von ihren Geräuschen der Freude, die einst in der schmutzigen Luft erklangen, von ihren beschäftigten Menschen, die einst ihrem täglichen Leben nachgingen. Ein leerer Kadaver. Ein riesiger Friedhof. Und jeder Tote hat eine eigene Adresse. Stummes Elend und grauer Gram sind nun meine einzigen Gefährten. Nur sie sind geblieben.

Das war früher die Stadt der Musik, des Theaters, des künstlerischen Vergnügens, aber nun ist nur noch der Trauermarsch zu hören. Eine Hymne des Todes. Eine Sinfonie der Verzweiflung. Ein Konzert der Qual.

Und ich gehe durch die Stadt und weiß nicht wohin. Ich suche… Ich bin auf der Suche nach… Ich weiß es nicht mehr. Ich will von nichts wissen. Nach einer vollkommen verlorenen Zeit vielleicht. Ja, wahrscheinlich. Vollkommen.

Ich bin ausgegangen, da ich nicht mehr imstande war, weiterzuschreiben. Ich habe doch nicht viel Zeit, das Buch zu Ende zu schreiben, aber ich konnte nicht mehr, ich wollte nicht mehr. Ich habe die Sprache verloren. Ich habe die Inspiration verloren. Alles. Alles habe ich verloren. Ich konnte nicht mehr. Ich kann nicht mehr.

Ich bin ausgegangen, um eine Sprache und eine Inspiration zurückzuerobern. Aber wo soll ich sie finden? Wohin soll ich denn? Eine vollkommen tote Stadt. Ich gehe durch die Stadt und sehe nur eine leere Welt, eine verlorene Welt, eine geschlossene Welt. Nichts ist geblieben. Nichts. Nichts. Nichts.

Nur die Ruinen einer einst glorreichen Welt. Und ich gehe weiter. Leer, traurig, verloren, verwirrt.

Die Menschen sind zu Hause. Nur leere Straßen. Mehr Leben ist in den Gebäuden selbst zu spüren als in den Bewohnern dieser Gebäude.

Die Eingangstüren jedes Gebäudes sind keine Türen mehr, sie sind Münder. Die Fenster sind keine Fenster mehr, sondern Augen.

Ich lache. Warum denn?

Einst war ich der geborene Künstler. Ich war von Natur aus der geborene Künstler der Stadt. Par excellence. Die ganze Stadt war mein dichterischer Spielplatz. Die ganze Stadt… Die Menschen und die Herrlichkeit dieser Stadt konnte ich und nur ich so schön, so vollkommen schön, so musikalisch und so poetisch wie niemand sonst auf der Welt besingen. Nur ich konnte das. Nur ich… konnte…

Aber nun sind sie alle verschwunden. Nichts ist geblieben. Was soll ich denn besingen? Die Inspiration ist tot. Meine Muse ist tot. Und meine Sprache ist damit selbst weggeflogen.

Ich habe keine Worte mehr. Ich bin sprachlos. Ich will singen, schreien, ich will dichten. Aber nichts ist geblieben, nichts, worüber ich Gedichte schreiben kann.

Die Menschen haben sich versteckt. Und wo es keine Menschen gibt, gibt es leider auch kein Gedicht.

Welch ein Meisterwerk ist der Mensch! Wie edel durch Vernunft! Wie unbegrenzt an Fähigkeiten! Im Handeln wie ähnlich einem Engel! Im Begreifen wie ähnlich einem Gott! Dem Gott! Die Zierde der Welt! Die Schöpferhand und das Geschöpf selbst.

Nur der Mensch und seine schöpferische Kraft, seine Kreativität sind meiner Gedichte würdig. Und was ist das allergrößte menschliche Geschöpf, das Symbol der nie versiegenden schöpferischen Kraft der Menschen? Die Stadt ist… war… ist… es natürlich… natürlich? Aber die Stadt ist tot. Die Menschen sind weg.

Nun ist alles tot. Vertrieben und tot. Was bleibt?
Was soll ich denn besingen? Worüber soll ich schreiben?
Und ich gehe weiter.

Die unmenschliche Welt

Eine traurige Welt. Eine Welt, die kein Gedicht wert ist.
Alle Menschen sind zu Hause und die Welt ist leer. Was bleibt?
Und ich gehe weiter.

Wohin denn? Ich habe die Stadtgrenze erreicht. Auf der anderen Seite liegt der Wald und da ist nichts. Finsternis und Feuchtigkeit. Keine Menschen sind da. Ich drehe mich um und gehe zurück.

Ich gehe die Straße hinunter.

Und dann höre ich plötzlich etwas. Zuerst ist es ziemlich undeutlich. Unklar. Ich kann es kaum erkennen. Ein Geräusch wie jedes andere. Eines der vielen Geräusche der Stadt.

Das ist es aber nicht. Es sind Vögel. Ich höre Vogelgezwitscher. Viele Vögel. Zahlreiche Vögel überall. Sie singen und ich kann sie hören. Dieses Gezwitscher hat eine fast beruhigende Auswirkung auf meine Seele. Fast.

Ja, sicher ist es schön, dieses Gezwitscher, aber es ist nicht Beethovens sechste Symphonie. Ach, wenn ich wieder in den Musikverein gehen dürfte, zu Beethoven, zu Mahler, zu Mendelssohn. Das wäre doch eine echte Schönheit. Die echte Sprache der Schönheit. Und im Kopf erklingt mir Beethovens Pastorale.

Sinnlos doch. Vergeblich.

Plötzlich höre ich was Neues. Mir fällt das Erkennen noch einmal schwer. Was ist denn das für ein Geräusch? Ich habe Kopfschmerzen.

Es sind Mäuse und sie pfeifen und piepsen. Sie singen. Der Gesang der Mäuse. Das Lied der Mäuse.

Ich lache und gehe weiter.

Aber das Geräusch wird lauter.

Nun wird es mir wahrhaft schwindelig. Ich kann nicht mehr denken. Ich kann keinen klaren Gedanken fassen.

Das Geräusch hört nicht auf, sondern wird immer lauter und ungehemmter. Vielfältiger.

Katzen miauen und fauchen. Hunde bellen. Tauben gurren. Raben krächzen. Unerträglich. Ich kann diese unmenschliche Kakofonie nicht ertragen. Hör auf! Hör auf! Hör auf!

Hört es aber nicht. Kein Bauernhof ist in der Umgebung zu sehen, aber die Hoftiere kann ich hören. Das Geräusch zerreißt mir die Seele. Ich kann nicht mehr.

Pferde schnauben und wiehern. Schafe blöken. Hühner gackern. Hähne krähen. Esel iahen. Kühe muhen. Schweine grunzen. Enten und Gänse schnattern. Bienen summen.

Und nun kommt der Wald. Wölfe heulen. Füchse keckern. Frösche quaken. Hirsche röhren. Schlangen züngeln. Grillen zirpen.

Der Zoo ist weit entfernt, aber die Tiere höre ich. Affen und Löwen brüllen. Elefanten trompeten. Pinguine… Ich kann nicht mehr. Hör auf! Hör auf!

Mir wird es immer bänger. Die tierische Kakofonie geht weiter, hört nicht auf.

Ich halte mir die Ohren zu. Es geht weiter. Es hört nicht auf. Und nun spielen die Bäume mit. Und die Blumen… Und die Büsche… Die ganze Natur spielt mit.

Und hundert Geräusche stürzen auf mich ein.

Ich kann nicht mehr und ich habe Angst und ich laufe weg.

Die Geräusche verfolgen mich. Ich will mich verstecken aber die Stadt ist verschwunden.

Und ich gehe durch den Wald…

Die Sprache des Waldes

Die tierische Kakofonie ist plötzlich vorbei. Kein einziges Geräusch ist mehr zu hören. Stille und Frieden. Endlich atme ich frei.

Ich schaue mich um, ich bin im Wald. Wie bin ich hierher gekommen? Was mache ich hier?

Zuerst habe ich Angst, aber nicht vor dem Wald. Ich erkenne bald, wie ruhig und friedlich die Welt sein könnte. Ein echtes Paradies der Ruhe ist dieser Wald.

Es ist wunderschön, ich kann meine Gedanken wieder hören, ich kann wieder denken, und ich atme frei. Die Luft ist so sauber und frisch.

Die Stadt ist vollkommen verschwunden. Die Erde ist vielleicht selbst verschwunden. Bin ich im Paradies?

Ich habe Hunger und es gibt frische Früchte zu essen, ich habe Durst und es gibt Süßwasser zu trinken.

Ich fühle mich verjüngt, wiedergeboren, auferstanden, ich bin wieder am Leben und ich atme frei.

War das ein Fehler? Meine ganze Karriere. Eine Welt besingen, die in Wirklichkeit keinen Pfennig wert ist. Eine menschliche Rasse dichterisch lobpreisen, die kein Gedicht wert ist.

Habe ich mich geirrt? Wurde ich von meinem eigenen Überlegenheitsgefühl irregeführt?

Ja, wahrscheinlich… Sicher.

Ich kann doch hier in dieser Welt bleiben. Ich habe keine Ahnung, wie ich hierher gekommen bin. Und da ich nicht weiß, wie ich hierher gekommen bin, kann ich nicht zurück. Ich lächle.

Ich fühle mich frei. Ich bin doch frei. Ein echtes Paradies.

Die Zierde der Welt! Hah, was für ein schlecht durchdachter Witz. Pure Unvernunft. Es war alles ein Fehler. Ich werde hier bleiben.

Die Natur hier scheint so makellos und sauber, die Früchte sind so lecker, das Wasser so frisch, die Tiere so friedlich. Ich bin kein Schöpfer, ich bin keine Zierde, sondern ein niederes Geschöpf. Das niederste sogar. Wir sind es alle. Wir sind alle einer mörderischen Natur, die schon längst aus dem Gleichgewicht gebracht wurde.

Wann sind wir eigentlich selbst Götter geworden? Wann haben wir es gewagt, uns selbst als Götter zu betrachten? Als der Gott, die allmächtige Natur. Wann haben wir es gewagt, die Natur zu unterwerfen und sie auszubeuten?

Wann haben wir es gewagt, die Welt nach unseren Bedürfnissen zu verändern und dadurch vollkommen zu zerstören?

Was für ein Fehler. Was für eine Heuchelei. Aber der Tag der Rechnung wird bald kommen. Wir werden alle bald bestraft werden. Alle.

Ich gehe nicht zurück. Über Menschen werde ich nie wieder schreiben. Über Städte… nie wieder.

Ich bleibe hier.

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Ich werde bald vom Geräusch der Autos auf der Straße geweckt, die beschäftigten Menschen gehen auf und ab wie immer. Sie gehen ihrem täglichen Leben nach. Die Stadt ist wieder in vollem Gewühl.

VERTRIEBEN. Aus dem Paradies.

Ich bin in meinem Bett und muss aufstehen. Mein Buch muss zu Ende geschrieben werden. Begegnungen heißt es. Ich habe nicht viel Zeit, aber ich fange wieder von vorne an.

Ich habe eine Inspiration zurückerobert, ich habe eine Stimme zurückerobert. Meine Sprache… Nein, die natürliche.

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