Text 03 – 2020

[ Die Welt von heute und gestern ]

Eine Erzählung

In memorian aller Reiche, die fallen sollen

Wir verließen eben erst den Hauptbahnhof, aber ich bin schon sehr ermüdet und kann die Hitze nicht mehr ertragen. Bahnfahren ist immer geisttötend langweilig und im Sommer auch leibhaftig erstickend. Ich kann diese Luft nicht mehr einatmen. Diese ist eine Luft des Todes, der gedanklichen Vernichtung, der intellektuellen Depression. Und was jedoch noch schlimmer ist, diese Luft atme ich nicht nur hier und jetzt ein, in diesem schwarzen Zug und in diesem traurigen Sommer, sondern überall und jederzeit. Dies ist die Luft, die die Zivilisation von ihrer Geburt an einatmet. Dies ist die Luft, die den Geistesmenschen aller Zeiten erstickt. Ich kann nicht mehr. Ich will nicht mehr. Dieser Juni ist der betrübteste Monat meines Lebens. Ich hoffe nur, dass das nicht das Ende Europas und vielleicht auch der Welt, wie ich sie kenne, bedeutet.

Und jetzt als ich zu einem ungewollten Ziel aufbreche und langsam abgewürgt werde, kann ich immer noch nicht verstehen, warum ich diese Entscheidung traf. Einen Blick zurück und ich sehe noch Wien. Ich musste komplett verrückt sein. Zu spät. Jedenfalls kann ich immer meine Mutter verantwortlich halten. Es ist doch wahr, dass sie mich dazu zwang. Oder vielleicht war ich zu schwach. Oder vielleicht wollte ich es auch, Wien zu verlassen. Ich weiß nicht mehr. Ich bin zu verwirrt. Hier kann ich nicht vernünftig und sinnvoll denken. Und ich sage es, als ob das vernünftige und sinnvolle Denken in Wien möglich wäre. Vielleicht ist es, aber es gibt niemanden, der mich anhören wollte. In Wien, in Österreich, in ganz Europa sind nun alle verrückt. Oder vielleicht waren sie immer so. Die Politiker schwimmen auf der Welle der allgemeinen Unzufriedenheit und für sie ist es einfacher denn je, die Bevölkerung durch die Magie der wehenden Flaggen und der stolz gesungenen Nationalhymne und die nicht realisierbaren Lügen, die einen lange verlorenen Nationstolz versprechen, zu überzeugen und dadurch zu manipulieren. Und niemand will sehen, anhören oder verstehen, dass das nur dem Ende Europas entspricht. Ich bin jetzt sicher, ich musste Wien verlassen. Dableiben hätte sterben bedeutet. Gedanklich und wahrscheinlich auch leibhaftig.

Jedoch fehlt mir unwillkürlich diese Stadt, natürlich nicht, weil ich eine besondere und etwas seltsame Leidenschaft für Wien habe, eine Stadt wie alle anderen, verschmutzt, voller Menschen, die ich nicht kenne und die mich nicht kennen wollen, sondern weil ich da mein Lebensprojekt verließ. Meine Pflicht, die ich immer mit Fleiß und heißem Bemühn und leider auch Vergnügen durchgeführt habe. Ich hätte Rechtsanwalt werden sollen. Zu spät. Schreiben, ich glaube, ist eine Krankenheit, und ich bin unheilbar krank. So krank, dass ich verrückt wurde. Vielleicht hatte meine Mutter recht, als sie mich in die italienischen Alpen schicken wollte, damit ich eine Weile in einem Sanatorium verbringe. Eine Weile von Ruhe und Frieden. Ich will diese Weile jedoch nicht und ich kann sie nicht wollen. Das Einzige, das die verspricht, ist eine Ruhe des Schweigens und einen gesitteten Frieden, der nur allmählich zu Kriege führt. Ich kann es mir nicht erlauben. Ich bin Schriftsteller und Journalist und ich wurde es nicht, sodass ich eine Trivialliteratur schreibe und die Volksmassen mit Lügen betäube und taub, blind und stumm mache, sondern damit ich meine Welt verändern kann. Ich weiß, dass ich niemand und nichts bin, und doch. Und während ich jetzt in diese verdammten italienischen Alpen fahre, weiß ich wohl, dass diese Reise für mich nur Stillschweigen und nicht Schreiben bedeutet. Aber auch jetzt, während ich im Zug nach Italien sitze, beobachte ich, sehe ich an, und ich schreibe, und ich schrie, gedanklich.

Europa, ein Kontinent, den ich nicht eben gut beschreiben kann. Ich fühle mich mehr als ein Europäer als ein Österreicher. Es könnte natürlich nicht anders sein. Meine Eltern kommen aus Ungarn. Die beiden sprachen kaum ein Wort Deutsch, aber kamen jedoch nach Österreich, um ein besseres Leben zu schaffen, für sie selbst und für uns, aber ob sie es schafften, das weiß ich leider noch nicht. Ich wollte doch daran glauben. Ich habe natürlich keinen Beweis dafür. Die beiden haben keine Freunde in Wien und die Arbeiten, die sie ausüben, sind schwer, ermüdend, aber vor allem unbefriedigend. Meine Mutter ist ein Hausmädchen, aber ehrlich gesagt ist sie eine Haussklavin, die nie ausreichend Zeit für ihre vier Kinder hatte. Die von Hohenbergs sind ehrliche Arbeitgeber, aber als meine Mutter mehr Zeit mit ihnen verbrachte, stellten uns meine Geschwister und ich die Frage, ob Mutter sie mehr als uns liebte. Natürlich war das gar nicht wahr. Wenn es wahr wäre, verließe uns Mutter einst. Sie arbeitete für uns, für unsere Zukunft, für meine Universitätsausbildung, für meinen eitlen Traum, Schriftsteller zu werden, und sie arbeitet noch immer für uns, oder zumindest für meine jüngeren Geschwister und für ihre Träume. Was für ein Preis, eine Mutter für einen Traum. Wie schön, es gibt auch etwas Poetisches daran. Mein Vater arbeitet in einer Fabrik, wo sein Gesicht und seine Arme ein ganzes Leben lang schwarz werden, damit ich jetzt meine Hände mit Tinte schwärzen kann. Und für all das hat sich Österreich jemals bei ihnen bedankt? Natürlich nicht und sie wollten es nicht, und sie wollen es noch immer nicht. Ich bin sicher lieber ein Europäer.

Ich bin auch gar nicht ein stolzer Ungar, ich kann es nicht, ich bin in Österreich geboren und aufgewachsen. Aber ich bin auch kein Österreicher, ich kann es auch nicht und für die Österreicher wäre es leichter, wenn ich es nicht wäre. Mein Name, meine Aussprache, meine Gebräuche und sogar auch meine Religion lassen sich nicht leicht als österreichisch beschreiben. Ungarn will mich auch nicht. Meine Gedanken, meine Ideen, meine Miene und mein Benehmen lassen sich auch nicht leicht als sehr ungarisch beschreiben. Ich habe kein Land. Lange habe ich gedacht, dass Europa mein Land war, aber jetzt bin ich gar nicht sicher. Das ist nicht mehr derselbe Kontinent meiner Jugend, alles hat sich verändert.

Als ich ein Kind war, wohnte ich in einem Kontinent der Gelegenheiten, des Optimismus, des Friedens, der sozusagen Einheit, Einheit gab es wahrscheinlich nicht/nie, aber es ließ sich daran glauben. Es gab Probleme, viele davon, aber das war eine andere Zeit, eine Zeit, die wir für immer verloren haben. Was wir heute sehen, lässt sich nur als ein Europa der Uneinheit beschreiben. Das Europa meiner Jugend kannte noch den Krieg und hatte Angst davor. Die Erinnerung an Größenwahnsinnige, die Europa und sogar auch die Welt erobern wollten, war noch zu frisch, zu bitter, zu traurig. Die Politiker meiner Jugend kannten gut die Zartheit des Friendens in Europa und waren vorsichtig ihn nicht zu untergraben, aber die derzeitigen Politiker graben unbekümmert und sinnlos das Grab des europäischen Friedens. Das Europa meiner Jugend war ein willkommen heißender Kontinent. Migranten und Flüchtlinge wurden nie geliebt, aber die Erinnerung an die Zeiten, in denen die Europäer selbst Flüchtlinge waren, war noch frisch. Das Europa meiner Jungend war anders.

Und jetzt… Jetzt sind Bevölkerung und Politiker einem Irrtum verfallen, einem allgemeinen Wahnsinn der Selbstvernichtung, der Vernichtung von allem, für das unsere Vorgänger kämpften, der Vernichtung Europas und ihrer edlen Ideale und Ziele. Früher wurde die Zukunft Europas durch Debatten in Konferenzsälen entschieden. Jetzt herrschen Blut, Eisen und Hass in Europa. Die europäischen Staaten, ihre Bevölkerung und ihre Politiker sind völlig entschlossen, den Frieden in Europa zu zerstören. Die allgemeine Verrücktheit führt allmählich dazu.

Die Politiker in Österreich singen das uralte Lied der Ehre und Siege und versprechen das Blaue vom Himmel, aber vergessen natürlich die versicherten politischen, ökonomischen und sogar auch kulturellen Schwächen und Zartheit eines Österreichs ohne Europa. Frankreich sucht nach einem Nationalstolz, den es seit jeher hat, und die ganze Zeit schon sind die Politiker völlig verwirrt und können nur miteinander herumstreiten, währenddessen zerstören die Massen die Bastille wieder, die Bastille von Lügen, die vom Präsidenten selbst gebaut wurde. Und natürlich England, ein Land, das wie immer nichts mit Europa zu tun haben will, ein Land, das lieber stirbt, damit es nicht verpflichtet ist mit Europa zusammenzuarbeiten. Und Deutschland, das seine eigene Geschichte und Vergangenheit vergessen hat. Ein Land, das vielmals geteilt und wiedervereinigt wurde, aber das jetzt das Gleiche mit ganz Europa machen will. Von Russland bis nach England und vom Balkanraum bis nach Schweden herrscht der allgemeine Wahnsinn überall. Und die Politiker wollen es so. Diese können nur über Selbstvernichtung reden, obwohl sie dafür vorzugsweise politische Euphemismen benutzen, wie z.B. Unabhängigkeit und Nationalstolz, wie schön. Ich fürchte, dass es schon zu spät ist.

Vielleicht verspricht die Zukunft eine neue, hellere und besser informierte Epoche, hoffentlich. Oder vielleicht nicht. Ich bin zu verwirrt und kann nicht gut denken. Aber ich will gerne daran glauben. Eine neue, hellere und besser informierte Epoche, das scheint wie der Beginn eines Utopieromans, aber kann eine Utopie doch wirklich geschaffen werden? Ich will gerne daran glauben. Aber ich finde es doch gar schwer und zumal jetzt da wir alle den Ausbruch des Krieges erwarten, des Krieges, der alle Kriege beenden müsse. Uns geht es jetzt darum, über die Schwelle der Hölle zu treten, über die Schwelle eines Krieges der Massenvernichtung. Es lässt sich doch schwer glauben, dass der Beginn der neuen, helleren und besser informierten Epoche mit der Trompete des Krieges, des Hasses, des Todes, der Lügen, der Angst und des Leids der Bevölkerung Europas angekündigt werden soll. Aber nach hundert Jahren… wer weiß, vielleicht ändert sich der Mensch… und doch…

 

 29. Juni 1914

Jemand, der im Kriege fallen wird

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