Text 13

[Studentenideale]

Sollte sie die Lederjacke mitnehmen, die sie von ihm letzte Weihnachten erhalten hatte? Eigentlich mochte sie sie ja... aber, nein, die würde sie zu sehr an ihn erinnern und das war mit Sicherheit nicht das, was sie wollte!

Aufrecht stand Jessika vor ihrem halb gepackten Koffer auf dem Doppelbett und schaute um sich herum. Jahrelang war dieses Zimmer und die Wohnung dazu die gemeinsame Unterkunft von ihr und Heinz gewesen – gute und schlechte Jahre, euphorisch und auch traurig. Bevor sie gemeinsam dorthin gezogen waren, waren sie schon mehrere Monate zusammen gewesen: sie hatten sich während einer der „Kunst und Kultur“-Aktionen des „Wiener Aktionismus“ kennengelernt, hatten gemeinsam für die Frauenrechte gekämpft und protestiert und diese später auch verteidigt – vor allem Jessika. Aber als sie dann später zusammenzogen und die meiste Zeit des Tages zusammen waren, wurde die Lage dann doch immer angespannter und war nicht mehr so idealistisch, wie sie während der Proteste zu sein schien: sehr oft musste sie Heinz an seine Haushaltspflichten erinnern und ihn um bestimmte Dinge bitten, wenn sie wollte, dass er ihr ein bisschen bei den Alltagsaufgaben hilft. Meistens tat er dann auch das, was sie von ihm verlangte. Aber wenn er in dem Augenblick etwas anderes vorhatte oder sich lieber ausruhen wollte, war ihm das natürlich nicht genehm und er grummelte vor sich hin.

Die letzten zwei Jahre war das schon so weit gegangen, dass er kaum zu Hause war – oft ging er direkt nach der Arbeit in die Kneipe und hielt dort seine Thekenreden mit seinen Trunkgenossen. Und letzten Monat schließlich hatte er die Grenze ihrer Geduld überschritten, indem er nicht einmal seine benutzten Kleidungsstücke auf einem Stuhl im Schlafzimmer liegen ließ, sondern sie komplett auf dem Boden verteilte. Sie hatte versucht ihn dazu zu kriegen, dies nicht wieder zu tun und seine Kleidung entweder in den Waschkorb im Badezimmer zu stecken oder zumindest auf dem Stuhl liegen zu lassen. Sein Kommentar dazu: „Dann mach’s doch selbst, wenn’s dir so wichtig ist! Ich hab‘ da keine Probleme mit...“

Es hatte alles so ideal geklungen, so perfekt gewirkt: mehr Rechte für Frauen, hinsichtlich Arbeitsstellen und dem entsprechenden Gehalt; ihre Anerkennung in der Gesellschaft, sowohl als Hausfrau, Ehegattin, Mutter WIE AUCH als Geschäftsfrau; mehr sexuelle Freiheiten und Toleranz durch das Ablegen von veralteten, überholten Gesellschaftsnormen, die speziell IHNEN – den Frauen – schon im Kindesalter (bewusst oder unbewusst, direkt oder indirekt) eingeflößt und auferlegt wurden. Und Heinz und viele andere Männer der Studentenbewegung hatten sich offiziell dafür eingesetzt, hatten öffentlich an Demonstrationen teilgenommen, die die Frauen von der Frauenbewegung (unter anderem auch Jessika!) organisiert hatten.

Aber wenn es danach wieder nach Hause ging, fielen Heinz und sie ziemlich schnell wieder in den „ganz normalen Alltagstrott“ (oder sollte sie sagen „Alltagswahnsinn“?) zurück. Gleiche Rechte und Pflichten für alle – das war die goldene Regel, auf der jegliche Demokratie basierte. Nur, genauso, wie es in der Politik schwierig war diese „goldene Regel“ wirklich durchzusetzen, wahr zu machen UND aufrecht zu erhalten – genauso war es für sie nahezu unmöglich gewesen, ihn von seinen typisch männlichen Gepflogenheiten abzubringen und dazu zu kriegen, zumindest ein bisschen mehr zu den „Hausaufgaben“ beizutragen. Auch ohne dass sie es ihm ständig sagen und genau erklären musste. Irgendwie schien er, im Gegensatz zu ihr, nicht wahrzunehmen, was für Aufgaben anstanden und welche Dinge, welche Bereiche wieder einer „Überholung“ bedurften und eventuell einer „Behandlung“.

Es war leicht über Ideale und moralische Werte zu reden, zu philosophieren, laut darüber nachzudenken und sich mit anderen verbal hierüber auszutauschen. Reden – das können auch Kinder, das war kein Problem. Etwas anderes war es, diese Äußerungen dann auch in die Tat umzusetzen. Und das musste geschehen, wenn sie wirklich das erreichen wollten, worüber sie redeten. Schon die alten Römer wussten, dass „auf Worte Taten folgen müssen“. Und das hatten sie mit ihren Parteigenossen und Freunden oft in vielerlei Hinsicht vertreten. Eine der einschneidensten Aktionen war die Studentendemo am 31. März 1965 gegen den Hochschulprofessor Taras Borodajkewycz gewesen: Ernst Kirchweger, der 67-jährige Geschäftsführer des Compass-Verlages, der an dem Protest gegen den in seinen Vorlesungen offen antisemitisch wirkenden Professor teilgenommen hatte, war von einem rechtsradikalen Studenten mit mehreren Boxhieben verletzt und niedergeschlagen worden und zwei Tage später seinen Verletzungen erlegen. Der entsprechende Verdächtige war dann auch drei Tage nach der Demonstration verhaftet worden und drei Monate später lag eine Anklage wegen Totschlags gegen ihn vor. In dem Sinne waren die Künstler und Studenten Wiens ihren Gleichgesonnenen in Deutschland in der Zeit voraus - die radikalaren Ereignisse in Berlin und auch anderen Städten fanden dort erst drei Jahre später statt. Aber im Gegensatz zu Josef Bachmann, einem zweimal vorbestraften Maler, der Rudi Dutschke, Idol und Führer dort, dreimal angeschossen hatte (zweimal sogar lebensgefährlich am Kopf!), war Günther Kümel sehr glimpflich davongekommen: am 25. Oktober 1965 verneinte das Gericht die Anklage und bestrafte ihn für „Notwehrüberschreitung“ zu zehn Monaten strengem Arrest, aus dem er nach noch nicht einmal vier Monaten vorzeitig entlassen wurde. Ein purer Witz! Und so verlief die „68er-Bewegung“ Österreichs auch ziemlich schleppend und lautlos im Vergleich zu der gleichen in Frankreich und Deutschland. Die Konsequenzen der „Unruhen“ hinterließen ihren Eindruck, nicht nur mit friedlichen Demonstrationen, sondern mit sehr lauten, teilweise obszönen Protesten mit Unzahlen an teilnehmenden jungen Menschen - Studenten und Künstler, aber auch andere -, die nicht mehr brav und ruhig sein und alle Tabus brechen wollten. Sie waren tagelang „Nummer eins“ in den Fernseh- und Radionachrichten gewesen. Und selbst heute noch erinnerten sich Menschen an diese Geschehnisse und wie sie die Lebens- und Denkweise in Österreich von der Zeit an zwar langsam, aber beständig verändert hatten.

Aber dies war nun schon zwanzig Jahre her, und Jessika hatte gemerkt, dass – so vorbildlich die Ideen und Absichten Heinz‘ und ihrer Freunde und Genossen (gewesen) waren – sie es am Ende nicht hingekriegt hatte, das patriarchalische Denkmuster dieser Männer der „alten Schule“ (der meisten zumindest!) aufzulösen und durch ein anderes, „ausgeglicheneres“, „gerechteres“ zu ersetzen. Die Art und Weise, wie sie von ihren eigenen Vätern (ja, sogar von ihrer Mutter!) erzogen worden waren, hatte sich in ihr Hirn eingebrannt und war nur schwer da 'rauszukriegen. Insbesondere für die täglichen Dinge des Lebens. Und gerade da war es wichtig fair und gleichberechtigt miteinander umzugehen. Mit Heinz zumindest hatte sie es aufgegeben: all diese Diskussionen und Streitgespräche mit ihm, zum Teil sehr laut und aggressiv, am Ende fast schon gewaltsam – sie hatten zu nichts geführt, nichts besser gemacht, im Gegenteil, hatten ihre Beziehung nur immer weiter auseinanderdriften lassen. Die letzten Jahre hatten sie eigentlich nur noch nebeneinanderher existiert, ohne wirklich einander wahrzunehmen. Sie hatte auch begonnen ihr „Eigenleben“ zu entwickeln, um ihr Glücksgefühl nicht weiter von ihm abhängig zu machen. Und so hatte sie wieder angefangen zu studieren, mit Bekannten auszugehen, Sachen zu unternehmen. Zwar fragte Heinz sie am folgenden Tag oft wo sie gewesen war und was sie gemacht hatte und Jessika erzählte ihm dann auch davon und fragte dann am Schluss „Möchtest du das nächste Mal mitkommen?“. Aber das schien ihm genug zu sein: er zeigte kein weiteres Interesse und winkte ab. Was er wohl gesagt hätte, wenn sie erwähnt hätte, dass sie ziemlich heiß mit Kai geflirtet hatte, als sie vor einigen Wochen Kegeln gegangen waren?

Als sie am Sonntag vor einem Monat dann all die Klamotten Heinz‘ auf dem Schlafzimmerboden verteilt gesehen hatte, da war ihr der Kragen geplatzt: so konnte das nicht weitergehen! Sie hatte sich versprochen ruhig zu bleiben und ihn darauf hinzuweisen und zu sagen, was er zu tun hätte. Aber als er so gleichgültig und abwertend geantwortet hatte, das – das hatte das Fass zum Überlaufen gebracht! Da war ihr dann endlich die Erkenntnis gekommen, dass sie ganz einfach nicht mehr zusammenpassten. Sie hatte sich weiterentwickelt, hatte von ihren Erfahrungen in der Studentenbewegung in den 70er-Jahren (und auch danach) gelernt, hatte sich weiterbewegt in der Zeit. Er hingegen? Er war stehengeblieben, schien sogar in die Vergangenheit zurückgegangen zu sein. So vorbildlich viele junge Männer heutzutage waren und entgegenkommender gegenüber den Frauen handelten – Heinz schien sich daran nicht zu stören und sich nicht dadurch von seiner veralteten Lebensweise abbringen zu lassen.

Jessika holte die schwarze Lederjacke aus dem gemeinsamen Kleiderschrank, packte sie auf all die anderen Sachen und schloss den Koffer. Würde er alleine, ohne sie, weiterleben können? Sie lächelte. Wen störte es? Sie selbst würde wissen, wie sie ein neues Leben anzufangen hatte.

1 thought on “Text 13”

  1. Joe O'Connell says:

    Warum sind die Umlautzeichen hier und in Text 14 “versetzt”? Kann das repariert werden?

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