Text 09

[Tagebucheintrag – Eleanor Roosevelt und die Erklärung der Menschenrechte, 1948]

Liebes Tagebuch,

heute stand ich vor der Kamera und ich hielt die Erklärung, ein Stück Papier zwischen meinen Fingerspitzen. Der Blitz der Kamera traf auf das Blatt. Leute klatschten. Aber ich lächelte nicht. Plötzlich fühlte ich mich wütend, dass ich dort stand, und, dass die Erklärung nötig ist. Es ist 1948! Es sind… wie viele Jahre? Einhundertsechzig Jahre seit der Französischen Revolution! Einhundertsechzig Jahre seit Lafayette die Erklärung hielt, die die Welt scheinbar veränderte: „Die Erklärung der Rechte des Mannes und des Bürgers“. Aber doch stand ich vor der Welt. Warum hat es so lange gedauert, diese Grundrechte zu schützen, die vor so langer Zeit aufgestellt wurden? Vielleicht hielt ich die Erklärung, die jetzt sicherlich die Welt verändern wird. Es muss sein. Ein Symbol von Hoffnung, von Freiheit und von Menschheit. Von Arbeit, von Ausdauer und von Erfolg. Aber ich hoffe, dass niemand vergisst, dass es auch ein Symbol vom Scheitern ist. Das Scheitern, Artikel Eins der originalen Erklärung zu folgen: „alle Menschen sind frei und gleich geboren und bleiben frei und gleich“. Das Scheitern, die Millionen Menschen in den Konzentrationslagern zu schützen. Wie ist das passiert? Millionen von unschuldigen Leben wurden verloren, und die Welt hat sie im Stich gelassen. Wie ist das passiert? Also stand ich vor der Kamera und ich hielt die Erklärung. Und ich bin nichtsdestoweniger stolz darauf, dass wir endlich etwas zu ihren Ehren geschafft haben. Ein Blatt Papier, das dafür sorgt, dass es nie wieder passieren wird. Ein Blatt Papier, um zu sichern, dass die Grundlage von Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden in der Welt bleiben wird.

Eleanor

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