Text 06

[Wien, der 18. März 1938]

Lieber Max,
wir hoffen, dass Du die Seereise nach New York gut überstanden hast. Wir wissen wie sehr Du unter Seekrankheit leidest! Erinnerst Du Dich noch an unseren Urlaub an der Nordseeküste vor zwei Jahren? Du hast fast die ganze Schifffahrt gebeugt über der Toilettenschüssel verbracht, Du Armer!

Uns wurde gestern von der amerikanischen Botschaft mitgeteilt, dass uns das Transit-Visum verweigert wurde. Wir geben zu, dass das ein harter Schlag für uns war, denn wir haben darauf gehofft, dich bald wiedersehen zu können. Aber kein Grund zur Sorge, denn wir sind noch nicht am Aufgeben! Dein Vater kennt von der Arbeit im Museum einen Herr Hoschek, der Kontakt zu den Briten hat und wir sehen eine gute Chance, dass er ein gutes Wort bei ihnen für uns einlegen kann.

In Wien wird die Situation immer schwieriger! Du bist zu einer guten Zeit gegangen, Liebling. Schuschnigg ist zurückgetreten und Seyß-Inquart ist zum Kanzler ernannt worden. Obwohl wir dachten, dass dies einen Einmarsch der deutschen Armee verhindern würde, sind letzten Samstag (der 12. März) die deutschen Truppen hereinspaziert und mit Jubelschrei empfangen worden. Wir fürchten, dass es keine Hoffnung mehr für ein unabhängiges Österreich gibt. Denn drei Tage später ist Hitler am Heldenplatz aufgetreten und hat den Anschluss an Deutschland verkündet. Dein Vater und ich waren beide anwesend und waren tiefst bestürzt von dem, was wir dort erlebt haben. Das Publikum war wie hypnotisiert. Mann, Frau und Kind folgten jedem seiner Worte als kämen sie vom Mund Gottes. Hakenkreuzfahnen hingen von jedem Gebäude und von jeder Straßenlampe, sie wedelten auch in den Händen der Zuschauer. Es scheint, als ob Hitlers giftige Ideologie die Bevölkerung bereits im Griff hat, denn während seiner Rede fiel plötzlich eine Frau neben uns auf den Boden und rief voller Emotion: ‘Lieber Hitler und Gott, gib uns unser täglich Brot’. Warum können sie es nicht einsehen? Was Hitler bietet ist keine Lösung! Es ist Opium, das die Menschen betäubt, sodass sie das Leiden dieser Welt weniger wahrnehmen. Wie Süchtige, werden sie alles opfern, um diese zauberhafte Droge zu schmecken. Wozu Hitlers Anhänger bereit sind, jeden Wunsch dieses Mannes zu befriedigen, das möchten wir nicht herausfinden.

Bleib tapfer Max.
Deine liebe Mutti und Papi

[Schifffahrt, der 20. Mai 1938]

Liebe Mutti, Lieber Papi!
Vielen Dank für euren Brief! Eure Neuigkeiten aus Wien bereiten mir viel Sorge. Dieser Hitler kann nur Schlechtes mit sich bringen. Eine Gruppe deutscher Juden, die ich auf dem Schiff kennengelernt habe, berichten von der Degradierung und Diffamierung, denen sie von der NSDAP ausgesetzt waren: die Zerstörung jüdischer Geschäfte, Friedhöfe geschändet, das Plündern jüdischer Wohnungen, Verhaftungen und Prügel. Könnte dies in Wien passieren? Ihr müsst das Land so bald wie möglich verlassen! Es ist nicht mehr sicher!

Ich hielt mich immer für einen stolzen Österreicher, aber seitdem meine Landsleute den leeren Worten Hitlers erlegen sind, ist mir dieser Titel abstoßend. Woran kann ich mich jetzt binden? Dem Judentum? Muss ich mich nun der jüdischen Tradition und Religion ganz widmen? Ich komme mir vor wie eine auf dem Meer treibende Boje.

Ach, Mutti und Papi! Ihr fehlt mir beide so sehr! Ich kann nachts vor großem Kummer nicht schlafen. Ich sehne mich nach Zuhause – der Geruch von Mamas frischgebackenen Orangenkuchen, Papas pfeifende Töne während er sich im Badezimmer für den Gottesdienst in der Synagoge fertigmacht, unser gemeinsames Kartenspielen vor dem Feuer am Abend…

Was wird wohl aus mir in Amerika? Das Land kenne ich nur aus Büchern und Filmen. Es soll Wüste und atemberaubend große Berge und Seen so groß wie Länder haben. Eine außerirdische Landschaft ohne Zweifel! Und was ist mit Unterkunft und Arbeit? Mein Jurastudium werde ich erst fortsetzen können, nachdem ich mein Englisch auf trapp gebracht habe.

Ich fühle mich den Anforderungen dieser Reise nicht gewachsen! Ich bin doch erst 18 – wie sehr ich wünsche, euch zwei bei mir zu haben! Und wie ihr mir mitgeteilt habt, muss unser Zusammenkommen weiter hinausgezögert werden. Ich hoffe sehr, dass es dem Herr Hoschek gelingt, für euch beide eine Einwanderungserlaubnis nach Großbritannien zu besorgen.

Küsschen an Tante Liesl und Onkel Reinhard und seid selber umarmt von Eurem Euch treu liebenden Max.

[Wien, der 15. November 1938]

Lieber Max,
es tut uns so leid, dass Du unter solchem Heimweh leidest! Wir vermissen dich auch schrecklich und der einzige Trost, ist zu wissen, dass Du heil und gesund in Amerika aufgehoben bist. Wir verstehen, dass dies eine beängstigende Herausforderung ist, aber wir haben volles Vertrauen in Dich. Bevor Du dein Jurastudium angefangen hast, hattest Du auch Bedenken an Deinen Fähigkeiten geäußert, und du bist schließlich Klassenbester geworden!

Jeden Tag verschlechtert sich die Situation für die Juden hier in Wien. Wir zögern, Dir alles zu sagen vor Angst, Du machst Dir zu viele Sorgen, aber wir wollen sicher sein, dass du deine Flucht aus Wien auch wertschätzt. In der Nacht vom neunten auf den zehnten November wurden in Städten überall im deutschen Reich Juden Opfer von grausamen Gewalttaten – Geschäfte geplündert, Wohnungen durchsucht und jüdische Bürger verhaftet, zusammengeschlagen, auch ermordet! Deinem Vater und mir, Liesl und Reinhardt wurde zum Glück diese Behandlung erspart. Aber unsere guten Freunde Doktor Hirsch und seine Frau wurden festgenommen und wegtransportiert nach Gott weiß wohin. Wir haben bis jetzt noch nichts von ihnen gehört.

Und dann vor zwei Tagen hat sich die Gestapo in unsere Wohnung hineingedrängt und die Übergabe unserer wertvollsten Besitztümer gefordert. Die von meiner Großmutter geerbte diamantene Halskette und Papas geschätztes Renoir Gemälde sind unter den beschlagnahmten Gegenständen. Und rate mal, wer zur Begleitung da war! Es war der Herr Sigg aus dem Nationalmuseum, der ehemalige Kollege deines Vaters. Er beriet den Kommandanten der Truppe über den geschätzten Wert unseres Besitzes. Als Vorwand für die Beschlagnahme hat der Kommandant von der Sicherstellung gesprochen. Er sagte, dass er verhindern wolle, dass unsere Kunstschätze während eines Pogroms wie in der Nacht des 9. Novembers beschädigt werden. Papa ist ganz rot im Gesicht geworden und sein Schnurrbart hat gezittert. Er schaute mit geballten Fäusten zu, wie diese ‘Kulturbanausen’ seinen Besitz betasteten. Ich musste alles tun, um ihn zurückzuhalten.

Oh Max, wie froh wir sind, dass Du den Untergang deiner geliebten Stadt nicht erleben musst! Aber vergiss nicht – Du bist immer noch Österreicher! Was momentan passiert, ist nichts als eine Phase. Man wird es schon schaffen, das österreichische Volk zur Vernunft zu bringen.

Wir haben von Herr Hoschek zurück gehört und uns wurde ein Visum nach Großbritannien erteilt. Der Antrag von Liesl und Reinhardt wurde aber abgelehnt und wir wollen sie nicht zurücklassen. Außerdem ist das Auswanderungsverfahren ganz kompliziert. Flüchtlinge kommen aus ganz Österreich nach Wien, um ihre Reiseunterlagen unterschreiben zu lassen und man muss daher stundenlang in einer Warteschlange stehen. Ein weiterer Nachteil ist, dass wir vor unserer Abreise unser ganzes Eigentum anzumelden haben und bereit sein müssen es den Behörden zu überlassen.

Wir haben Dich so so lieb,
Mutti und Pappi

[New York, der 15. Dezember 1938]

Liebe Mutti, Lieber Papi,
es ist schlimmer, als ich zu denken gewagt habe. Ihr müsst sofort weg! Ich verstehe, dass ihr Liesl und Reinhardt nicht im Stich lassen wollt, aber das Visum ist eine einmalige Chance! Wenn ihr die nicht wahrnehmt, dann fürchte ich, dass ihr es nie aus Wien schafft. Und was unseren Besitz betrifft, was nützt er, wenn ihr beide tot seid?

Ich bin inzwischen in New York angekommen. Ich und vier andere österreichische Jungs vom Schiff teilen uns ein Zimmer bei einer älteren Frau in einem Viertel namens Brooklyn. Wir haben bereits Arbeit bei einer Baufirma gefunden, die einen Bedarf an jungen starken Männern hat. New York ist eine großartige Stadt. Neben den Wolkenkratzern und der beeindruckenden Städteplanung finde ich die Einheimischen am interessantesten. Ihre Energie ist ansteckend! Die Amerikaner haben einen unerschütterlichen Fortschrittsglauben und volles Vertrauen in unbegrenzte Möglichkeiten. Diesem Optimismus bin ich noch nie begegnet und ich glaube, dass dies der perfekte Ort für einen Neustart im Leben ist.

Vielleicht ist dies nicht der richtige Moment es euch mitzuteilen, aber ich bin einem Mädchen hier in New York begegnet. Sie heißt Sylvia und stammt aus Graz. Weil sie schon vor ein paar Monaten angekommen ist, kennt sie sich in New York sehr gut aus und hat angeboten, mir die Stadt zu zeigen. Sie hat die wundervollsten blauen Augen und ich muss Acht nehmen, nicht jedes Mal in ihnen zu versinken! Die Spannung baut sich in Europa auf und die Zeitungen warnen alle, dass ein Krieg bevorsteht. Sie berichten, dass Hitler nicht vorhat, den Münchner Vertrag einzuhalten, und Großbritannien und Frankreich werden sich gezwungen fühlen, dem Deutsche Reich den Krieg zu erklären. Die Lage wird sich nicht verbessern, also bitte macht alles, um wegzukommen!

Euer lieber, treuer Sohn Max

2 thoughts on “Text 06”

  1. Maike Reith says:

    Diese Geschichte hat mich sehr berührt! Vielen Dank für dieses literarische Highlight.

  2. Rosemarie Reith says:

    Sehr berührend geschrieben. Man ist beim Lesen so gefesselt, dass man nicht aufhören kann. Besonders gefällt mir, dass die Schreibweise und der Stil der damaligen Zeit entspricht.
    Vor kurzem habe ich authentische Briefe von jungen Soldaten an ihre Eltern gelesen und die Schreibweise in diesen Briefen wieder gefunden.

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