Text 02

[Einmal der Keim gelegt]

Er lehnte den Kopf an die Wand des Stephansdoms und versuchte, sich von der fortwährenden Schlacht, die ihn umgab und die seine Genossen in den Tod riss, zu entfernen. Rundherum hauchten die anderen aufständischen Studenten, wie bald auch er selbst, ihre Leben aus, und er wusste, dass er sich mit ihnen bald wiedervereinigen würde. Unter dem Lärm der schießenden Gewehre blieben ihre schwindenden Lebensatem unbemerkt, und es war ihnen klar, dass ihre Opfer unbeachtet bleiben würden. Und er dachte bei sich, wie es dann dazu gekommen war, dass ihre Revolution kläglich gescheitert ist, und dass sie so teuer dafür hatten bezahlen müssen, um zu erfahren, „was dort von der Höh kam“.

Eine Träne lief seine Wange herunter, als er an die Folgen der gedankenlosen Revolution dachte. Hätten sie gewusst, dass ihre Leben aufs Spiel gesetzt würden, um ein kleines Stück Land ihr eigen zu nennen, oder um andere Revoltierenden wie sie zu unterstützen, dann hätten sie, oder hätte wenigstens er, die Unzufriedenheit, die sich im Universitätscampus freie Luft machte, niemals beachtet und er hätte niemals rebelliert. Die romantischen Vorstellungen der Studenten von der französischen Revolution und allgemein von Revolten hatten ihn als unerfahrenen Literaturstudenten verführt und er lebte, wie seine Mitschüler, im Größenwahn, dass ihre Revolution in der inneren Stadt genauso erfolgreich wie der Sturm auf die Bastille würde, und dass sie andere bewegen würden, sich gegen die Staatsmächte zu widersetzen.

Weiterhin wollten er und seine Mitdemonstranten den Erfolg der Bauernkriege von damals wiederholen, deshalb wuchs die Unzufriedenheit in ihnen immer mehr, und der Keim einmal gelegt, hatten sie ihn pflegen müssen, genauso wie die untergeordneten Bauern die Keime ihrer Früchte säen und pflegen mussten. Demnach hatten die Demonstranten die Zwietracht nicht nur gesät, wie die Bauer ihrer Ernte pflanzten, sondern sie hatten sie auch gezüchtet, bis sie zum Aufstand ausbrach, das leider nur zum Chaos führte, in dem er sich jetzt am Rande des Todes fand.
Der Schmerz, der aus der großen Wunde in seinem Bauch herstammte, war ihm nicht qualvoller als die Erkenntnis, dass all seine Bemühungen ebenso fruchtlos waren wie die Hoffnungen, die er auf ein besseres Leben hegte. Er drückte die Hand an die Wunde, die er von einer verirrten Kugel bekommen hatte, und versuchte vergeblich, den plätschernden Strom von Blut, der daraus floss, zu stoppen. Das trocknende Blut auf seinen Händen hob sich ganz von der Tinte ab, die normalerweise infolge seiner Arbeit und seines Schreibens Hände und Nageln überzog, und er fragte sich, ob die drei Tage, seitdem sie die Innere Stadt besetzt hatten, wirklich so lange her waren, wie es ihm vorkam, denn es schien ihn schon eine Ewigkeit.

Niemals hatte er sich vorgestellt, dass er in einem Kampf fallen würde, obwohl es eine immer größer werdende revolutionäre Stimmung in der Stadt in den letzten Monaten gab, und den Freiheitsdrang und das Verlangen nach der Gleichberechtigung in vielen unter ihnen keimte. Gleichwohl hätte er es wissen sollen, dass Wörter die Gewehre seiner Wahl waren, und nicht die Büchse, die neben ihm auf dem blutbesudelten Boden lag, die ebenso wertlos und erschöpft wie er, als er sich an die Wand des Doms anlehnte, befand. Sobald er die Entscheidung traf, die wegziehenden Truppen zu verhindern, hatte er sein Schicksal besiegelt und seine Zukunftsaspirationen auf Familie und Gleichheit weggeworfen. Tränen liefen seinen Wangen herunter, als er die wahre Wirklichkeit seiner Situation völlig verstand, und sie vereinigten sich mit der roten Flüssigkeit seines Lebensblutes, die sein Los und seinen unvermeidlichen Tod versicherten.

Die großen Hoffnungen, die er bewahrte, sich einen Namen als Schriftsteller nach der Revolution machen zu können, erkannte er jetzt nur als Luftschloss, das sich in Dunst, dergleichen eines kürzlich geschossenen Gewehres, aufgelöst wurde, und er hatte es in Kauf nehmen müssen, dass er jetzt für niemandem bekannt würde, und dass sein Streben nach Berühmtheit ihn nur zu einem Armengrab geführt hatte. Hierauf machte er sich Gedanken über seine Eltern und seine Geschwister, die einzigen, die ihn vermissen würden, die er erst seit einem Monat am Anfang seines Studiums an der Wiener Universität verlassen hatte, und die er, wie er sich jetzt eingestand, nie wiedersehen würde. Seine geplatzten Träume auf Berühmtheit wären nichts gegenüber den enttäuschten Hoffnungen seiner Familie, wenn sie nach seinem Tod entdeckten, dass er nichts aus sich gemacht hatte und nichts aus sich machen würde. Hätte er doch Federkiel und Pergament, könnte er mit seinem ständig hinabfließenden Blut als seine Tinte, ihnen einen Abschiedsbrief schreiben, um sie um Vergebung zu bitten. Davon konnte er jedoch nur träumen, denn er hatte weder die Kraft noch die Mittel, um eine solche Begründung zu schreiben oder zu schicken.

Aus dem Augenwinkel erhaschte er einen Blick von der Abendsonne, die seine schwindende Gegenwart auf der Erde wiederspiegelte, und es wurde ihm klar, dass sein Leben, wie auch der Tag beim Untergang der Sonne zu Ende kommen würde. Er hatte keine Angst vor dem Tod, da er sich jetzt damit abgefunden hatte, und freute sich darauf, den Schmerz seines jetzigen Bestehens hinter sich lassen zu können.

Die Schlacht verstummte um ihn, als der Druck seiner Hand auf seiner Wunde lockerer wurde, und er richtete seine Augen mit letzter Kraft auf die erst kaum erscheinenden Sterne der Nacht. Als sein Lebenslicht löschte, um mit den anderen Himmelslichtern sein Platz einzunehmen, wandte er seine Schlussgedanken zum Keim, der seinen Aufstand und die Revolution der anderen Studenten verursacht und angespornt hatte. Obwohl er wusste, dass er keine Verbesserungen oder Freiheit während seiner Lebensdauer erfahren würde, hatte er die Hoffnung, dass über kurz oder lang andere den Keim der Unruhen legen würden, um die Freiheit, wonach er sich sehnte, zu verwirklichen. Damit hörte sein Herz auf zu klopfen mit dem Todeswunsch, dass der Keim einmal gelegt, würde gepflegt.

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