Text 17

[Texte zum Gedenkjahr 2018: Anschluss 1938]

Lena, eine Elfjährige, lief total begeistert ins Wohnzimmer. In der Hand hielt sie eine versilberte Bronzemedaille, auf der zwei siegreiche Deutsche und ein Wappen, das von einem Adler und vom Hakenkreuz gebildet wurde, dargestellt wurden. Lena näherte sich ihrem Vater und fuchtelte mit der Medaille herum.

„Vati, schau mal, was ich entdeckt hab‘!“

Sie kletterte auf seinen Schoß und gab sie ihm. Ihr Vater nahm die Medaille und drehte sie um. Auf der Rückseite waren einige Wörter eingraviert. Lena nahm die Medaille zurück, um die Texte zu lesen. Sie las die Texte vor: „ein Volk, ein Reich, ein Führer, 13 März 1938“. Sie dachte darüber nach, bis sie ihrem Vater das Gesicht zuwendete.
„Vati, was ist im März 1938 passiert?“

Ihr Vater warf einen Blick auf die Medaille und wendete seiner Tochter Aufmerksamkeit zu.

„Alle diejenigen, die zum sogenannten Anschluss Österreichs einen wertvollen Beitrag geleistet hatten, bekamen eine Medaille, um ihnen zu danken.“ Er deutete auf das Hakenkreuz. „Diese Medaille gehörte dem Kindheitsfreund deines Urgroßvaters, der als Kind von Österreich nach Deutschland einwandern musste. Da er in Deutschland erzogen wurde, stand er hinter dem Führer dieser Partei. Dieser Mann erwies sich als einer der grausamsten Männer aller Zeit. Er hieß Adolf Hitler…ich weiβ nicht, ob du von ihm schon etwas in der Schule gehört hast…“

Lena schüttelte mit dem Kopf.

„Sei’s drum! Hitler beabsichtigte, alle Nationen im deutschsprachigen Raum in Nazi-Deutschland zu vereinen und zu beherrschen. Hitler als machtgierig zu beschreiben wäre ohne jeden Zweifel eine Untertreibung. Nach der Niederlage des Ersten Weltkrieges wurde er immer willensstärker, mehrere Gebiete zu erobern. Da der Versailler Vertrag – das heißt das offizielle Abkommen, das den Kriegszustand zwischen den Achsenmächten und den Alliierten Mächten beendete – die Vereinigung zwischen Deutschland und Österreich verbot, lenkte er die Aufmerksamkeit auf die Besatzung des sogenannten Sudetenlandes (auch bekannt als die ehemalige Tschechei), denn das Sudetenland und Österreich erwiesen sich als Nachbarländer.“

Lena unterbrach ihn, um um eine genauere Erklärung zu bitten.

„Also war Hitler ein böser Mann, der in vielen anderen Ländern herrschen wollte?“

„Genau.“

„Und diese Vereinigung im Bezug auf Österreich und Deutschland wurde als ‚der Anschluss‘ bezeichnet, oder?“

„Ja, klar. 1934 forderte Hitler die österreichischen Nazis auf, alles in Österreich kurz und klein zu schlagen. Rate mal, was deswegen passiert ist.“

„Keine Ahnung,“ erwiderte Lena.

„Der Kanzler Dollfuß wurde während der Verwüstung brutal ermordet.“

„Echt? Wie furchtbar! Und was dann?“

„Nach dem Mord wurde ein neuer Kanzler, der Kurt Schuschnigg hieß, bestimmt. Er bemühte sich, alles Erdenkliche zu tun, um Österreich gegen Hitler und die NSDAP, die zu der Zeit in Österreich verboten war, zu verteidigen. In der Hoffnung, dass Hitler entmachtet wäre, unterzeichnete Schuschnigg im Jahr 1936 eine Urkunde, die die österreichische Unabhängigkeit anerkannte. Doch die Sache hatte einen Haken. Nazis durften in Österreich in öffentlichen Ämtern eingesetzt werden. Hitler genoss deswegen einen Zugewinn an Macht. Darüber hinaus wurde Hitler mächtiger, weil Hitler und Benito Mussolini – er war italienische Politiker und Führer der Nationale Faschistische Partei – wegen ihrer Einmischung im Spanischer Bürgerkrieg Verbündete wurden. Da Italien und Deutschland seither verbündet waren, verlor Österreich den Schutz, den Italien seit 1934 anbot. Aus diesem Grund wurde Österreich gegenüber Hitler angreifbarer.“

Lena erblasste allmählich vor Angst. „Aber… Österreich ist seit Generationen unsere Heimat. Großvati war Österreicher. Urgroßvati war Österreicher. Als Österreich angreifbarer wurde, musste die Angst ihm sicherlich in den Knochen gefahren sein!“

„Wahrscheinlich,“ antwortete ihr Vater. „Wenn ich es mir recht überlege, dann hatte dein Urgroßvater eigentlich ein Tagebuch geschrieben. Steh auf, bitte.“ Lena erhob sich, sodass ihr Vater sich aus dem Sessel stemmen konnte. Er verließ das Wohnzimmer und ging die Treppen hinauf, voraussichtlich in Richtung Dachboden. Nach einigen Minuten kam er wieder ins Wohnzimmer. Das kleine Tagebuch erregte sofort Lenas Aufmerksamkeit. Er sank noch einmal in den Sessel und auf schnelle Weise fasste er alles, was er bis dahin gesagt hatte, zusammen. Ihr Vater las ein paar Tagebucheinträge vor.

den 9. März 1938
Es sieht so aus, als ob dieses Land tief in einer Krise steckt. Mit dem Land geht es abwärts. Leider sieht die Zukunft gar nicht vielversprechend aus. Diese Ansichten bilden die verbreitete Meinung ab. Wir müssen blind der österreichischen Regierung und Schuschnigg vertrauen. Oberflächlich betrachtet hat Schuschnigg das Ruder fest in der Hand. Dem ist nicht so. Es lässt sich nicht leugnen, dass er die Lage überhaupt nicht beherrscht. Beispielsweise hat er heute eine Volksbefragung angekündigt, wobei österreichische Bürger entweder dafür oder gegen den Vorschlag stimmen dürfen, sich mit Nazi-Deutschland zu beschäftigen. Die Entscheidung, diese Volksbefragung abzuhalten, hat anscheinend Hitler verärgert; ich schätze, dass Hitler Angst hat, dass die Mehrheit der Österreicher gegen den Vorschlag stimmt. Diese Volksbefragung lässt sich als eine Bedrohung seiner Machtergreifung betrachten.

den 12. März 1938
Ich sehne den Tag herbei, an dem Schuschnigg zurücktritt. Wie ich bereits am Mittwoch 9. März geschrieben habe, hegte die Öffentlichkeit den Verdacht, dass Hitler im Bezug auf die Volksbefragung an Österreich Vergeltung üben würde. Leider hat man das richtig verstanden. Am 10. März hat Hitler gefordert, die Volksbefragung zu beenden, sonst würden die Nazis in Österreich einmarschieren. Es scheint mir, dass Schuschnigg die Volksbefragung beendet musste. Frankreich konnte sich nicht mit Österreich verbünden, weil sie gegenwärtig politische Unruhen erfährt. Großbritannien ist auf ähnliche Weise nicht gewillt, sich mit Österreich zu verbünden, besonders weil diese Situation nicht unmittelbar Großbritannien betrifft. Gerüchten zufolge fällt das deutsche Militär in Österreich ein. Gott gebe, dass alles gut ausgeht!“

„Also, hat Hitler letztendlich Österreich besetzt?“ fragte Lena.

„Ja, Lena, das ist richtig. Einen Monat später hielt Hitler eine manipulierte Volksbefragung ab, was zu seiner Machtergreifung führte. Sobald er die Lage beherrschte, führte er ungefähr 300.000 Medaillen ein, die die positiven Beiträge der deutschen und österreichischen Bürger zum Anschluss anerkannten. Deswegen bekam der Kindheitsfreund deines Urgroßvaters einer dieser Medaillen.“

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